MutterTage

Dieses Jahr konnte ich bereits meinen dritten Muttertag feiern. Kinder, wie die Zeit vergeht. Mein Sohn war an diesem Tag mal wieder um viertel nach sechs wach geworden und war voller Tatendrang , seine Holzeisenbahn mit uns aufzubauen. Mein Mann hatte sich erweichen lassen. Hatte unsere Schlafzimmertür geschlossen und mir noch einige Minuten Schlaf geschenkt. Es war ja schließlich Muttertag. Knapp zwei Stunden später wurde ich von beiden Männern geweckt. Mit einem selbst geschriebenen und auswendig gelernten Gedicht. Mein Sohn war stolz wie Bolle, als er mit voller Inbrunst „Mama ist für uns die Allerbeste“ herausposaunte.

Zwei Tage später konnte er das Gedicht immer noch auswendig :-)

Es sind diese Tage, an denen mein Herz überquillt vor Freude und Dankbarkeit für meine wohl wichtigste Rolle im Leben. Es sind Tage wie diese, an denen ich kaum glauben kann, wieviel Glück ich seit meiner Brustkrebs-Diagnose hatte. Es sind diese Tage, an denen mir immer wieder der Moment bewusst wird, als mein Verstand eine Familienplanung für mich abgehakt hatte. Es sind diese Gefühle, die mich sprachlos machen und mir wieder erlauben, an Wunder im Leben zu glauben.

Einige Tage zuvor hingegen hatten unsere kleine Familie eine ganz andere Diskussion am Frühstückstisch. Es herrschte friedliche Stille.  Nur das Klappern der Löffel und Schüsseln war zu hören. Mein Mann hatte seinen weltbesten Porridge gemacht, den wir genüsslich in uns reinschaufelten. Dann begann mein Sohn ein ganz besonderes Guten-Morgen-Gespräch.

„Mama, ich habe Schnupfen.“
„Naja, ein bisschen.“
„Ich bin krank. Ich kann nicht in die KITA!“

Ich lachte.

„Naja, mit einem Schnupfen ist man noch nicht so krank, dass man nicht mehr in die KITA kann.“
Mein Sohn dachte nach. Nach einer kurzen Pause:
„Opa war auch krank.“
„Das stimmt, Schatz!“
„Mama, Opa lebt nicht mehr! Kannst du mir erklären, an welcher Krankheit er gestorben ist?“

Mein Mann und ich schauten uns an. Na das waren ja tolle Themen morgens um sieben.

„Das ist etwas kompliziert“, war das Einzige, was ich dazu sagen konnte, weil mir  nicht wirklich einfallen wollte, wie man Parkinson und Darmkrebs spontan kinderfreundlich verpacken konnte, um danach den Sohn bei guter Laune in die KITA zu bringen.

Wir stammelten uns mehr schlecht als recht durch gut gemeinte Antworten. Opa war schon alt. Sein Körper war einfach müde. Da schoss es aus meinem Sohn heraus:

„Mama, bin ich auch irgendwann tot?“

Die Frage haute mich von den Socken. Wahrscheindlich war es eine normale Frage kindlicher Neugier, aber wie beantwortet man so etwas, das einen selbst aus der Fassung bringt, ohne dem Kind Angst zu machen? Es traff mich eiskalt: dieses Gespräch über den Tod. Ich wollte gerne eingehen auf Frage, die meinen Sohn so früh am Morgen beschäftigte, aber konnte nicht leugnen, dass ich damit hoffnungslos überfordert war.

„Weißt du, jeder Mensch auf dieser Welt wird geboren und stirbt auch irgendwann wieder.“

Die Augen meines Sohnes füllten sich mit Tränen. Ein Schluchzen. Das Gespräch war beendet. Trösten war angesagt.

Es sind diese Tage, an denen ich mich frage, wann mein Baby eigentlich zum Kleinkind geworden ist und über solche Fragen nachdenken kann. An denen ich merke, wie mein Mutterherz wie eine Löwin dafür kämpft, das Thema Tod und Sterben von meinem Sohn fern zu halten. Es sind Tage wie diese, an denen ich merke, dass es die Brustkrebs-Patientin in mir ist, die das Thema Sterben und Tod einfach aus ihrem Sprachgebrauch verbannt hat. Dass es die Brustkrebs-Erfahrung ist, die immer wieder Angst in mir hervorruft, meinen Sohn durch einen möglichen Rückfall zu früh mit diesen schwierigen Themen konfrontieren zu müssen. Es sind diese Tage, an denen mir klar wird, dass ICH es bin, die sich wieder einem unverkrampfteren Umgang mit Tod und Sterben zuwenden müsste…

Als mein Sohn mich einige Tage später fragte, was denn mit den Menschen passiert, wenn sie tot sind, war ich etwas mehr darauf vorbereitet. Ich fragte ihn, was er denn glauben würde und ließ mich von seiner kindlichen und unkomplizierten Sichtweise anstecken. Ich schenkte ihm ein Buch über die vier Jahreszeiten. Wir sprachen über den Jahreszyklus der Bäume und über die Tatsache, dass alles kommt und wieder vergeht auf dieser Welt. Danach war das Thema für ihn gut.

Es sind diese Tage, die mich oft an das Leben, aber manchmal auch wieder an das Thema Tod heranführen. Es sind all diese MutterTage, für die ich so unendlich dankbar bin!

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