Im Leben keine Zeit

„Wieviel Zeit bleibt mir wohl noch, um meine Lebensträume zu verwirklichen?“

Ich sitze in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, als mir dieser Gedanke kommt. Morgens um sieben Uhr dreißig. Es ist ein Gedanke, den ich schon lange kenne. Ein alter Kumpel, der vor fast acht Jahren in mein Leben getreten ist. In einer Zeit, als mein Leben mir grausam endlich erschien. In einer Zeit, in der Chemotherapien, geschminkte Augenbrauen, Tumorklassifikationen und genetische Beratungen meinen Alltag beherrschten.

Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken in dieser Zeit. In einer Zeit, in der ich die Möglichkeit kaum laut aussprechen konnte, dass mein Leben vielleicht dramatisch kürzer ausfallen würde, als ich mir das je vorgestellt hatte.  Und es mag vielleicht klingen, wie in einem kitschigen Hollywood-Film: aber auch ich habe mir meine Liste gemacht. Eine Liste mit all den Dingen, die ich noch tun und erleben wollte; mit all den Orten, die ich noch bereisen wollte, bevor ich mich von dieser Welt verabschiede.

Beeile dich damit, denn wer weiß, wie viel Zeit dir dafür noch bleibt?, dachte ich mir damals.

Acht Jahre sind eine lange Zeit. Länger als du damals zu hoffen gewagt hast!, geht es mir heute durch den Kopf. Weiterlesen

Vom Beruf zur Berufung

Ein Jahr lang war ich nun zu Hause. Ohne Job. War raus aus dem Beruf. Weil ich es wollte. Weil ich es brauchte. Habe mich um Haus, Kind und Hof gekümmert; und um den Umzug unseres Familienlebens von der Schweiz nach Deutschland, was wahnsinnig viel Bürokratie, Zeit und Nerven in Anspruch genommen hat. Ich hatte es mir so ausgesucht. Hatte sie selbst gewählt, diese berufliche Auszeit. Hatte sie wählen können, weil die Möglichkeit da war. Finanziell und organisatorisch. Was für ein Luxus!

Ich habe sie genossen – diese Zeit der freieren Zeiteinteilung. Weil ich mir seit meiner Krebserkrankung eigentlich nie richtig Zeit genommen habe, um einmal inne zu halten. Nach zehn Monaten Therapie ging es gleich weiter als PR-Beraterin. Kur oder Reha? Im Schweizer Gesundheitssystem nicht angezeigt. Die Überforderung kam nach wenigen Monaten. So weiter machen, wie vor der Krankheit konnte ich nicht mehr. Weiterlesen

Mach es wie die Sonnenblume

Sunflower

„Ich kenne auf unserer Erde nichts, das mächtiger ausposaunt, wie prall doch das Leben ist, als eine Sonnenblume. Ich nehme an, der Grund dafür liegt in ihrem Namen. Den hat sie nicht bekommen, weil sie wie die Sonne aussieht, sondern vielmehr weil sie sich der Sonne zuwendet. Sie folgt während des Tages, ganz stetig, dem Lauf der Sonne, die am Himmel über sie hinweg zieht. Wie eine Satellitenschüssel für Sonnenschein. Wenn irgendwo Licht ist, und wenn auch schwaches: diese Blumen finden es. Und das ist schlichtweg bewundernswert.

Es ist eine Lehre fürs Leben.“

 

(aus Calendar Girls, mit Helen Mirren)

Eine gute Zeit!

Es ist wieder so eine Zeit, in der es sehr still geworden ist auf meinem Blog. Eine Zeit, in der ich manchmal verzweifelt nach Themen suche, über die ich an dieser Stelle schreiben kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich eigentlich immer nur zu Themen schreiben, die mit meiner Erkrankung zu tun haben. Und diese werden glücklicherweise von Jahr zu Jahr immer weniger.

Auch das gehört zum Alltag eines Breast-Cancer-Survivor. Dass die Tage nach dem Krebs eben auch wieder zum normalen Alltag werden. Dass das Leben wieder bunt wird und die Farben der Krebserkrankung nach und nach verblassen. Es ist ein gutes Leben, das sich nach all den Irrungen und Wirrungen momentan seine Bahnen durch meinen neuen Job und ein aufregendes Familienleben schlängelt. Auch darüber möchte ich an dieser Stelle einmal schreiben. Auch das muss einmal gesagt werden. Es ist eine gute Zeit! Weiterlesen

MutterTage

Dieses Jahr konnte ich bereits meinen dritten Muttertag feiern. Kinder, wie die Zeit vergeht. Mein Sohn war an diesem Tag mal wieder um viertel nach sechs wach geworden und war voller Tatendrang , seine Holzeisenbahn mit uns aufzubauen. Mein Mann hatte sich erweichen lassen. Hatte unsere Schlafzimmertür geschlossen und mir noch einige Minuten Schlaf geschenkt. Es war ja schließlich Muttertag. Knapp zwei Stunden später wurde ich von beiden Männern geweckt. Mit einem selbst geschriebenen und auswendig gelernten Gedicht. Mein Sohn war stolz wie Bolle, als er mit voller Inbrunst „Mama ist für uns die Allerbeste“ herausposaunte.

Zwei Tage später konnte er das Gedicht immer noch auswendig :-)

Es sind diese Tage, an denen mein Herz überquillt vor Freude und Dankbarkeit für meine wohl wichtigste Rolle im Leben. Es sind Tage wie diese, an denen ich kaum glauben kann, wieviel Glück ich seit meiner Brustkrebs-Diagnose hatte. Es sind diese Tage, an denen mir immer wieder der Moment bewusst wird, als mein Verstand eine Familienplanung für mich abgehakt hatte. Es sind diese Gefühle, die mich sprachlos machen und mir wieder erlauben, an Wunder im Leben zu glauben.

Einige Tage zuvor hingegen hatten unsere kleine Familie eine ganz andere Diskussion am Frühstückstisch. Weiterlesen

Abgestempelt

„Also, ich glaube, den Brustkrebs können Sie nun ruhig zu den Akten legen“, sagte mir mein Onkologe vor ein paar Monaten bei meiner letzten Kontrolle in der Schweiz.

„Nach mehr als 5 Jahren krebsfrei sind die Mammografien für Sie ja wieder Vorsorgeuntersuchungen und keine Nachkontrollen mehr“, sagte der neue Radiologe, als ich vor einigen Wochen bei meiner ersten Brustuntersuchung in Deutschland antrat.

Da bewege ich mich nun. Mehr als sieben Jahre nach meiner Brustkrebs-Diagnose.  Hoffnung, Mut, Selbstsicherheit machen sich in mir breit, dass er Brustkrebs wirklich da bleibt, wo er hingehört: in meine Vergangenheit.

Und so habe ich es gewagt. Habe es gewagt, einen Antrag bei einer privaten Krankenkasse zu stellen für eine Zusatzversicherung Klinik Spezial. Nicht, weil ich davon ausgehe, bald wieder in einer Klinik zu landen, sondern weil ich denke, dass auch ich eine Wahl haben sollte, wie ich mich im Krankenhaus behandeln lassen möchte.

Doch ich wurde abgelehnt. Einmal Krebs – zwar seit sieben Jahren gesund – trotzdem immer Krebspatientin! ABGESTEMPFELT! Meine Vergangenheit bleibt meine Gegenwart. Und das macht mich richtig wütend! Weiterlesen

Oh Tannenbaum

„Wann habt ihr das erste Mal euren eigenen Tannenbaum gehabt?“, hatte mich meine Mutter gefragt, als ich heute mit meinem Sohn Kugeln und Sterne an die Nordmanntanne hängte.

„Als ich krank geworden bin“, hatte ich geantwortet.

Meine Krebsdiagnose traf mich damals im November. Die erste Chemotherapie folgte am Nikolaustag. In der Nacht von Heiligen Abend auf den erste Weihnachtstag begannen meine Haare auszufallen. Am zweiten Feiertag beschloss ich, sie abzurasieren. Manch einer mag nun denken, dass mein Krebs-Timing nicht schlimmer hätte sein können, doch es ist genau dieses Weihnachtsfest vor sieben Jahre, das ich als das friedlichste in meinem bisherigen Leben in Erinnerung habe. Weiterlesen

Diagnose Day

Fast hätte ich ihn nicht bemerkt. Meinen Tag der Brustkrebs-Diagnose. So alltäglich ist mein Alltag wieder geworden. Erst als ich meinen Sohn vor seine Grössenmesslatte stellte und neben den „Laufenden Meter“ das heutige Datum schrieb, fiel es mir auf. Ein bisschen Trauer, dass ich ihn nicht früher wahrgenommen hatte. Ein bisschen sehr viel mehr Freude darüber, dass ich bereits zum 7. Mal meinen persönlichen zweiten Geburtstag feiern kann.

Und ich habe ihn zelebriert. Im Stillen. Für mich. Die Freude über die Umarmungen von meinem Sohn war heute noch grösser. Die Zufriedenheit in mir… unbeschreiblich. Die Dankbarkeit für mein Leben… kaum in Worte zu fassen. Und so habe ich doch noch angestossen. Mit meinem Mann, der trotz 1’000 km räumlicher Distanz und Wein per Videotelefonie so tief in meinem Herzen ist. Mit meiner Mutter, die auf einmal in der Wohnung unter mir wieder ganz nah in meinem Alltag ist. Und mit mir selbst. Im Inneren. In Dankbarkeit darüber, dass der Schmerz, die Hilflosigkeit und die Ohnmacht dieses Tages nur noch Mahnmal und Erinnerungen sind.

Ich geniesse den Wein und leere das Glas, denn heute ist ein guter Tag. Einfach, weil ich leben darf. Santé!

Gemeinsam… etwas weniger einsam

Es ist ein Gefühl, das wahrscheinlich jeder Mann und jede Frau kennt, die den Krebs überlebt haben: das Gefühl von Einsamkeit. Ein Gefühl, das entsteht, wenn die lieben Menschen im eigenen Umfeld einfach weitermachen mit dem „normalen“ Leben. Weil sie es können. Weil der Krebs nicht ihr Leben bedroht hat, sondern nur das eigene.

Die Erkenntnis, dass der Brustkrebs mich ein Stück weit von meinen engsten Vertrauten getrennt hatte, kam eigentlich erst, als die aktive Erkrankung, die Therapien und Arzttermine vorbei waren. Als meine Gedanken begannen, um Leben und Tod zu kreisen, hatte ich das Gefühl, dass alle die „Gesunden“ um mich herum einfach nicht mehr mitreden konnten. Vielleicht war aber auch ich diejenige, die es ihnen nicht mehr zugestehen wollte. Zu gross war die Wut und die Trauer darüber, dass der Krebs einen grossen Scherbenhaufen aus meinem Leben gemacht und alles infrage gestellt hatte.

Doch ich hatte auch sehr grosses Glück in dieser Zeit, denn ich habe sie gefunden: meine Vertrauten im Geiste, meine Ladies, die das gleiche Schicksal hinter sich hatten und mir das Gefühl gaben, dass ich mit ihnen gemeinsam etwas weniger einsam mit meinem Brustkrebs-Schicksal war. Weiterlesen

Eine haarige Angelegenheit

„Was mache ich nun mit meiner Perücke? Wegschmeissen, oder mit nach Deutschland nehmen?“

„Wegschmeissen! Was willst du denn noch damit?“, schoss es mir ziemlich direkt von meiner lieben M. bei unserem letzten Treffen entgegen. „Der Krebs ist doch Geschichte. Du brauchst sie nicht mehr. Also weg damit.“

„Also, ich habe sie für den nächsten Fasching meiner Kinder aufgehoben“, entgegnete meine andere Freundin K.

„Puh, das ist eine schwierige Frage. Ich wüsste nicht, wie ich mich entscheiden würde“, hatten meine Arbeitskolleginnen entgegnet.

Und nun stehe ich hier im Keller vor den Umzugskartons und versuche, sie herauszufiltern: die Dinge und Habseligkeiten, die wir denken im Leben noch brauchen zu müssen. Die Perücke – ordentlich verpackt in ihrer Pappschachtel – in der linken Hand; die Bürste und das dazugehörige Spezialshampoo in der Rechten… Weiterlesen

Gipfelstürmer

Zugegeben – ich bin kein grosser Berg-Fan. Daran konnten auch 10 Jahre Leben in der Schweiz mit dem beeindruckenden Alpenpanorama direkt vor der Nase nichts ändern. Meine Norddeutsche Seele schreit immer wieder nach dem freien Blick auf den Horizont, der durch nichts unterbrochen wird, ausser von einem Schiff, einem Leuchtturm oder einer Möwe. Und wenn irgendwo eine Bergspitze mit einer Seilbahn zu erreichen ist, weiss ich, welchen Weg ich wähle ;-).

Doch bei einer Aktion wäre ich in meiner aktiven Brustkrebszeit fast zum GIPFELSTÜRMER geworden: bei der Initiative SPIRIT of SOLIDARITY. Ein Event, bei dem 100 betroffene Frauen gemeinsam den 4163-Meter-Gipfel des Breithorns (Zermatt / Schweiz) erklimmen. Weiterlesen

Take or toss

So, wie wahrscheinlich eine Milliarde andere Frauen auf dieser Welt liebe ich „Sex and the city“. Legendär ist die Szene des ersten Kinofilms,  in der Carry zusammen mit ihren Freundinnen eine „Ausmist-Party“ ihres begehbaren Kleiderschrankes feiert, um mit etwas weniger Gepäck in die neue Wohnung mit Mr. Big zu ziehen. Zugegeben: mein Mr. Big und ich haben schon seit zehn Jahren einen gemeinsamen Haushalt, aber durch unseren Umzug nach Deutschland stehe auch ich bei einer bestimmten Sache vor der Frage: Take or toss? Nämlich bei meiner Perücke aus der Zeit der Chemotherapie…

Bei unserem ersten Versuch, den Keller zu entrümpeln, hielt mein Mann sie mir auf einmal vor die Nase. Ich wusste zwar, dass sie noch irgendwo sein musste, jedoch trafen mich beim Anblick doch recht unerwartet viele Emotionen und Erinnerungen. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich die Plastiktüte mit den unechten Haaren, der Spezialbürste und dem Shampoo in die Kiste zum Entsorgen oder in den Umzugskarton packen sollte. Auch mein Mann konnte mir die Entscheidung nicht abnehmen und so fing ich an, dieses Thema mit meinem Umfeld zu diskutieren.

Und auch wenn ich heute leider nicht mit Champagner und Partymusik dienen kann, so würde ich mich freuen, wenn der eine oder andere Leser an der Umfrage teilnimmt und mir Inspiration und Gedanken für meine Entscheidung mitteilt.

Ich bin gespannt. Cheers!!!

Kinder-/Krankheit

Alles fiebert, schnupft und hustet dir in der S-Bahn in den Nacken. Sie ist auf dem Höhepunkt: die Grippe- und allgemeine Krankheitszeit. Die Zeit, in der geplante Treffen mit Freunden auf Wochen verschoben werden müssen. Ja, sogar auf Monate, wenn Kinder mit im Spiel sind. Und auch mich hat es dieses Jahr wieder erwischt, auch wenn ich mich im Vergleich zum ersten „Kinderkrippen-Jahr“ in diesem Winter noch erstaunlich gut gehalten hatte. Aber irgendwann kam er, der fiebernde Infekt mit Schnupfen und Husten. Drei Tage bei meinem Sohn, drei Wochen in dreifacher Intensität bei mir.

Als ich nach einigen Tagen „zur Arbeit schleppen“ dann doch bei der Ärztin im Behandlungszimmer sass, bestätigte sich die Diagnose eines akuten bronchialen Infektes gepaart mit einem Anflug des Influenza Virus. Resigniert musste ich mir eingestehen, dass all meine präventiven Massnahmen, wie Ingwertee, viel Gemüse, Saunagänge, Nasenspülungen und Grippeimpfung doch nicht die Krankheit von meinem Körper fernhalten konnten.

„Ach wissen Sie, in der heutigen Zeit wird uns ja stets vermittelt, dass wir nur eine gesunde Lebensweise einhalten und alle Risikofaktoren vermeiden müssen, um allen Krankheiten aus dem Weg zu gehen. Dabei müssen Sie sich immer vor Augen halten, dass allein die Tatsache, dass Sie ein Kind haben, schon allein der grösste Risikofaktor ist“, beschwichtigte mich meine Ärztin. „Von der Krippe bringt es Viren mit nach Hause, die Ihr Körper seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Da hilft kein Hausmittel der Welt etwas.“

Nach einem kurzen Blick in meine Krankenakte fügte sie dann noch hinzu:

„Aber bei ihrer medizinischen Vorgeschichte kann solch eine „Kinderkrankheit“ Sie doch nicht mehr schocken, oder?“ Weiterlesen