Die Frage nach dem „Warum“

„Das Leben packt uns unversehens und zwingt uns,
unsere Schritte ins Unbekannte zu lenken,
immer dann, wenn wir es nicht wollen,
wenn wir es nicht brauchen können.“
(Paulo Coelho)

Es gibt viele unterschiedliche Momente, in denen unser Leben eine unvorhergesehene Wendung nehmen kann. Positive oder negative. Gewollt, geplant, herbeigesehnt, oder eben unerwartet und zum falschen Zeitpunkt. In jedem Fall führt uns das Leben dann ins Unbekannte und offenbart uns seine ganze Bandbreite an unerwünschten Veränderungen und neuen Möglichkeiten.

Der Tag an dem mein Leben auf den Kopf gestellt wurde, war meine Diagnose „Brustkrebs“. Vollkommen unerwartet. Mit 31 Jahren. Zu früh. Ungewollt und definitiv nicht geplant. Von dort an war ich gezwungen, meine Schritte ins Unbekannte zu lenken. In eine Therapie, die mir Angst machte und eine Zukunft, bei der ich mir nicht mehr sicher war, ob meine Träume und Pläne darin noch Platz finden würden. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass ich diese Krankheit nicht wollte; und brauchen konnte ich sie in diesem Moment schon gar nicht – stand ich doch inmitten meiner Hochzeitsvorbereitungen, die ich in Aussicht auf den bevorstehenden Haarverlust und ungewissen Krankheitsverlauf stark überdenken musste.

Und doch war es dieser eine besondere Tag im Leben, der Hochzeitstag, dessen Planung mich mit Kampfesgeist und frohen Mutes durch die Monate der Therapie brachte. Hatte ich doch ein gefühltes Leben auf den Antrag gewartet. Und ich war nicht bereit, mir diesen Tag durch die Krankheit verderben zu lassen. Den Leuchtturm, auf dem wir heiraten sollten, hatte ich immer vor Augen. Fest entschlossen, ihn nicht nur am Horizont zu sehen, sondern auch zu erreichen. Gesund!

Dieser Plan ist aufgegangen, auch wenn der Tag ganz anders verlaufen ist, als ich gedacht hätte. Herbst-temperaturen statt Spätsommer. Graue Wolken statt blauer Himmel und Sonnenschein. Regenschauer, die unserer kleinen Hochzeitsgesellschaft auf dem 2,5 km langen Fussmarsch zum Leuchtturm alle 5 Minuten eine kalte Dusche bescherten. Bei allem Pech, das man bei seiner Hochzeit mit dem Wetter haben kann – aber nein – so war das definitiv nicht vorgesehen.

Gummistiefel_Hochzeit

Und doch passte dieses Wetter und das, was es aus unserem Tag machte, auf so dramatische Weise zu den Erfahrungen der vergangene Monate und forderte mich noch einmal heraus zu zeigen, dass ich stärker sein wollte als „K“. Und ich nahm die Herausforderung an und tauschte meine rot-weiss gestreiften Ballerinas zum filigranen Brautkleid gegen rote Gummistiefel, die ich mir fünf Tage vor der Hochzeit noch schnell im Internet bestellt hatte. Als wir den Deich überquert und den Leuchtturm eigentlich schon im Blick hatten, war dieser durch den andauernden Nieselregel kaum zu erkennen. Doch ich wusste, dass er da war und ich liess es mir nicht nehmen, ihn trotz schlechter Sicht zu erreichen.

Meine roten Gummistiefel (Red Wellies) waren mir auf diesem Weg treue Begleiter und haben mich zu guter Letzt trockenen Fusses zum Leuchtturm gebracht. Sie stehen für all meine Helfer, Freunde, Familie, Ärzte, Pfleger und Wegbegleiter, die mir dabei geholfen haben, trotz schlechter Sicht mein Ziel zu erreichen und mich dabei auch nicht so übel haben aussehen lassen. Und sie sind nicht zuletzt Symbol dafür, dass das Leben auch in trüben Zeiten farbenfrohe Momente parat haben kann.

Meine Hochzeit war für mich gleichzeitig ein Ende und ein Anfang. Eines alten Lebens, das ich mit all meinen Plänen, Träumen und Schwierigkeiten hinter mir gelassen hatte. Und eines neuen Lebens, das ich seitdem mit den Erfahrungen meiner Krankheit wieder neu zusammensetze. Passenderweise wurde uns und an diesem Tag das Lied „Das ist dein Tag“ von Udo Jürgens gespielt, aus dem mich einige Zeilen besonders begleiten:

„Das ist dein Tag, dieser Tag, der grossen Gefühle.
Du blickst zurück auf das Stück, das hinter dir liegt.
Du siehst nach vorn und du stellst neue Fragen.
Heute an dem Tag, diesem Tag, den du nie vergisst.“

Und da stehe ich nun. Wieder im Leben. Krebsfrei. Und versuche jeden Tag voller Mut meine Schritte durch das Unbekannte zu lenken. Weil das Leben nach solch einer Diagnose ein ganz anderes ist. Weil ich nach meiner Diagnose eine andere bin. Nicht unbedingt immer für andere sichtbar, aber tief in mir drin. Ich stelle neue Fragen, auch wenn sie Altbekanntes betreffen. Meine roten Gummistiefel begleiten mich auf diesem Weg in ein Leben nach der Krebsdiagnose, das nur nach vorn und nicht zurück geht. Ein Leben in dem ich lernen muss, mit meiner eigenen Krebserfahrung umzugehen und sie gleichzeitig hinter mir zu lassen.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ So endet jedes vermeintliche Happy End eines Märchens. Aber kein Mensch weiss, wie es mit Schneewittchen und den sieben Zwergen weitergegangen ist, nachdem der Prinz seine Traumfrau vor dem giftigen Apfel gerettet hat. Ob das Mädchen mit den Haaren – schwarz wie Ebenholz – Mutter von fünf Prinzen geworden, oder doch noch den Intrigen einer neuen Stiefmutter zum Opfer gefallen ist, bleibt unserer Phantasie überlassen. Aber wir möchten daran glauben, dass dieses Happy End Bestand bis in alle Ewigkeit hat. Meine Krebserkrankung hatte ihr Happy End. Dieses Mal. Vielleicht für immer. Wer weiss das schon. Aber ich bin zutiefst dankbar dafür. Was das Leben nach überstandener Therapie für mich bereithält, werde ich auf mich zukommen lassen müssen. Ich traue mich nicht mehr, irgendwelche Pläne zu machen, sondern versuche darauf zu vertrauen, dass das Leben noch viele Höhen und hoffentlich nur wenige Tiefen mit mir vorhat. Und ich hoffe, dass ich auf alle Fragen eine Antwort finde, die sich mir in den Weg stellen. Dieser Blog erzählt genau von dieser Geschichte. Von der Geschichte der roten Gummistiefel.