Die Zeit des Wartens

Irgendwie fällt es mir dieses Mal sehr schwer, die richtigen Worte für den Blogbeitrag zu finden. Seit Monaten warte ich darauf, dass ich euch wieder einmal etwas zum Thema Brustkrebs zu erzählen habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich der Krankheit nicht mehr viel Platz in meinem Alltag gelassen habe. Nach meiner letzten Kontrolle und anschliessenden MR-gesteuerten Biopsie war ich auch wirklich bedient. Nachdem sich die „kleine Unsicherheit im Narbengewebe“ als harmlose Fibrose herausgestellt hatte, konnte mich der Krebs auch wirklich mal gerne haben. Die Narben von dieser Prozedur mussten erst einmal verheilen. Physisch und psychisch. Aber bekanntlich ist „nach der Kontrolle“ ja auch „vor der Kontrolle“. Und so stand vor kurzem wieder die MRI Nachkontrolle der vorherigen Biopsie an. Weiterlesen

Alles hat ein Ende, nur der Krebs hat keins

„Vielleicht ist es ab nun deine Aufgabe, dein Leben nicht immer bei jedem kleinstem Verdacht entgleisen zu lassen.“

Diesen scheinbar simplen, aber manchmal schwierig umzusetzenden Ratschlag hatte mir meine Freundin bei unserem letzten Telefonat gegeben. Zuvor hatte ich ihr erzählt, dass ich wieder einmal etwas genauer abklären lassen muss. Dieses Mal in der linken Brust. Ort des Geschehens vergangener Krebsszenarien. 2017 beginnt doch wirklich genauso, wie 2016 aufgehört hat.

„Eine kleine Unsicherheit von 2 mal 5 mm“, hatte meine Ärztin mir per E-Mail geschrieben. „Winzig, aber kontrollbedürftig.“ Anstatt eine normale Mammografie durchzuführen, hatte sie mich vorab in eine MRI gesteuerte Mammografie geschickt, um einmal die Dynamiken in meinem Gewebe anzuschauen. Und da war sie nun – die kleine, grosse Unsicherheit, die der Radiologe in seinem Bericht erwähnt hatte. Weiterlesen

Leben anstatt Überleben…

…das ist mein guter Vorsatz für 2017. Eigentlich halte ich nicht viel von guten Vorsätzen zur Jahreswende, denn ich bin überzeugt davon, dass mir jeder einzelne Tag die Möglichkeit gibt, etwas zu verändern. Aber in diesem Jahr möchte ich die Chance nutzen, nicht nur hinter 2016 sondern auch hinter meine Brustkrebserfahrung einen Haken zu machen und für 2017 einen wichtigen Vorsatz zu fassen.

Zwei Wochen zuvor…

„Wenn ich mir das jetzt so anschaue, dann würde ich mit der Biopsie mal bis nach Weihnachten warten“, hatte meine Ärztin gesagt. Der Fleck auf meinem Dekolleté hatte sich seit Donnerstag so markant verkleinert, dass das Bedrohliche kaum mehr ein Gesicht hatte. Anstatt dessen ein Kontroll-Ultraschall der Brust und der Lymphknoten. Alles in Ordnung! Soweit man das beurteilen kann. Durchatmen. Erleichterung. Zumindest für einen Moment.

„Ganz hundertprozentig können wir uns natürlich nie sicher sein“, schob sie dann noch hinterher. Weiterlesen

Zwischen Hoffen und Bangen

Vor einigen Wochen hatte ich mal überlegt, diesen Blog für eine Zeit ruhen zu lassen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich meine Themen immer weniger um den Krebs drehen. Das Leben und der Alltag hatten mich wieder. Der Krebs war für mich mit meiner 5-Jahres Überlebensrate (fast) Vergangenheit.

Bis letzten Montag. Dem Tag, an dem ich eine neue Hautläsion auf meinem Dekolleté infrage gestellt hatte. Ich hatte sie schon vor einiger Zeit bemerkt – die Pickel auf dieser Hautstelle und hatte mir erst einmal nichts dabei gedacht. Wer hat schon eine reine Haut?! Besonders im Winter?! Doch irgendwie waren mir die roten Pusteln an diesem Montag nicht mehr ganz geheuer und so beschloss ich, meiner Ärztin ein Foto mit der Bitte um eine kurze Einschätzung zu schicken. Vollkommen im Bewusstsein, dass sie es als einfache Hautunreinheit abtuen würde.

Auf ihre Antwort war ich nicht vorbereitet. Seitdem ist das Krebsthema wieder erschreckend real in meinem Alltag. Seitdem verbringe ich die Tage bis zur Gewissheit zwischen Hoffen und Bangen: Weiterlesen

ICH BIN DA UND LEBE

„Glaubst du nicht auch, dass der Brustkrebs bei dir nur ein Ausrutscher gewesen ist?“, hatte mich mein Mann vor einigen Tagen gefragt.

„Keine Ahnung. Ich wünsche es mir“, hatte ich geantwortet.

Wunsch oder Wirklichkeit. Heute ist es egal. Denn ich habe etwas zu feiern. HEUTE. An diesem unerwartet sonnigen 22. Novembertag. ICH BIN DA UND LEBE! Auf den Tag genau 5 Jahre nach meiner Brustkrebs-Diagnose. Five-Years-Progression-Free-Survival wird es im onkologischen Fachjargon genannt. Das ist der Grund, warum ich heute mit meinem Sohn 5 blaue Luftballons aufgeblasen habe. Das ist der Grund, warum ich heute leise mit meinem Mann mit Champagner anstossen werde. ICH BIN DA UND LEBE. Punkt.

Vor einigen Jahren hätte ich damit als vom Brustkrebs geheilt gegolten. Mittlerweile haben die Mediziner diese Prognose bei Brustkrebs auf 10 Jahre krebsfreies Leben erweitert. Egal. ICH BIN DA UND LEBE. Weiterlesen

Kontrolle ist gut, relaxen ist besser

Es ist ja so eine Sache mit der Kontrolle. Ich bin 30 Jahre mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass ich mein Leben unter Kontrolle habe. Haben muss. Mit dem Brustkrebs war dann alles anders und spätestens da wurde mir schonungslos klar: Kontrolle im Leben ist eine Illusion. Eine Zeit lang liess es sich gut damit leben. In der Therapie. Als ich keine weiteren Verpflichtungen hatte, ausser wieder gesund zu werden. Doch irgendwann traf auch mich der Krebs-Bewusstseinsschlag und bald schwebte ich mehr und mehr im luftleeren Raum. Beim Thema Krebs funktioniert das irgendwie nicht mit Kontrollverlust. Die Angst vor einem Rückfall wird dann zu übermächtig. Im Kampf gegen meine eigene Krebsangst brauche ich einfach Kontrollhebel, die ich betätigen kann, um mir selbst das Gefühl zu geben, dass ich etwas tun kann gegen diese bösartigen Zellen in mir.

Also wurde ich aktiv und versuchte alles umzusetzen, was in der allgemeinen Meinung gegen eine Tumorbildung empfohlen wird. Sport für die allgemeine Fitness, Yoga und Meditation für meinen seelischen Ausgleich und gesundes Essen mit vielen Antioxidantien, um den angekratzten Zellen in mir schon gleich den Gar aus zu machen. Es hatte sich gut eingespielt – mein „Kontrollsystem“ gegen die Angst. Bis zu meiner letzten Nachkontrolle bei meinem neuen Onkologen. Weiterlesen

Alles anders als gedacht

Es ist Montagmorgen im Wartezimmer des Brust-Zentrums. Irgendwo in Zürich. Ich sitze hier und warte. Versunken in meinen Gedanken. Wie oft habe ich hier schon gesessen und gewartet. Auf eine Diagnose, eine gute Prognose, eine neue Therapie, eine weitere Mammografie, auf die Bestätigung meiner Hoffnung und auf das Überwinden meiner Angst. Soviel ist passiert in meinen Gedanken innerhalb dieser kleinen vier Wände. Die „K-Zeit“ von damals wird jedes Mal wieder ein Stück lebendig. Jedes Mal, wenn ich in diesem kleinen Wartezimmer sitze. Ich ertappe mich dabei, wie ich die anderen Patientinnen beobachte, die neben und mir gegenüber sitzen. Heute, wie damals, frage ich mich, welche Brustkrebsgeschichte sie hierher treibt. Befinden sie sich noch im „Leben davor“ oder bereits „danach“? Hat die Krankheitserfahrung sie stark in ihrem Leben verändert? Reden sie darüber, oder machen sie so weiter, wie zuvor? Warten sie heute – so wie ich – auf die Nachsorge, oder stehen sie noch vor ihren Sorgen?

„Da daaa!“ reisst es mich plötzlich aus meinen Gedanken und ich blicke in die Augen meine Sohnes, der vor mir in seinem Kinderwagen liegt und im gleichen Moment seine kurzen Ärmchen samt Nuscheli-Tuch wieder hoffnungsvoll vor sein Gesicht hält. Weiterlesen

Dr. No jagt Dr. Hoffnung

Was bleibt uns, wenn in unserem persönlichen Kampf gegen den Krebs wieder einmal ein Stück Hoffnung stirbt?

Die deutsche Moderatorin Miriam Pielhau ist tot. Die Mutter einer 4-jährigen Tochter. Gestorben an den Folgen ihrer Brustkrebserkrankung. Mit 41 Jahren. Plötzlich. Unerwartet. Ungerecht. Einfach unnötig. Sie galt eigentlich nach zweifach überstandener Erkrankung noch vor kurzem als krebsfrei. Sie war stets optimistisch in ihrem Kampf. Hoffnungsvoll. Lebensbejahend. Doch plötzlich hat der Krebs ihrem Leben ein unerwartet schnelles Ende gesetzt. Sie wurde definitiv zu früh von dieser Welt geholt.

Es ist eine Nachricht, die mich mehr als betroffen und sehr traurig macht. Denn Miriam Pielhau war für mich in meinem eigenen Kampf gegen den Brustkrebs ein hoffnungsvolles Vorbild, an das ich mich geklammert habe. Weiterlesen

Phantom-Metastasen

Sie sind wieder da. Ich spüre sie im ganzen Körper. Sie sind kaum auszuhalten und machen mich wahnsinnig. Die Stiche in meiner Brust. Das Ziehen. Die Verhärtungen. Ich schaffe es kaum, meine Gedanken nicht in die Dunkelheit abdriften zu lassen. Ein Blick in meinen Kalender zeigt mir: sie steht wieder an – die nächste Jahreskontrolle mit Mammografie. Weiterlesen

Trauma oder Alptraum

Es war wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Ich musste wohl damit rechnen, dass er mich irgendwann in der Schwangerschaft besuchen würde. Dieser Traum, der mir – glücklicherweise aus ihm erwacht – fast den Atem geraubt hätte. Dieser Traum, der der grösstmögliche gelebte Alptraum wäre, wenn er sich, aus der Dunkelheit der Nacht heraus in mein reales Leben schleichen würde.

Da sind sie, die schwarz-weissen Röntgenbilder meiner Brüste. Ich sehe sie genau in den Händen des Arztes. Es sind die Bilder von der letzten und von der aktuellen Untersuchung meiner beiden kostbaren Weichteile. Sie ist klar zu erkennen, die erneute Veränderung, die nichts Gutes zu bedeuten hat. Da ist er, der Telefonhörer in meiner Hand. Die Stimme eines Arztes, die mir sagt, dass der Tumor wieder wächst und eine erneute Therapie unumgänglich ist. Weiterlesen

Hey

Wer kennt ihn nicht: den Druck, den das eigene Leben manchmal auf einen ausüben kann. Die Erwartungen, dass der eigene Alltag doch bitte immer vorherplanbar und kalkulierbar bleibt. Die Hoffnung, dass man das eigene Leben immer unter Kontrolle hat. Manchmal ist es der Druck vom sozialen Umfeld, von der Gesellschaft, dem wir uns nicht entziehen können. Doch der eigentlich Feind liegt doch im eigenen Bett: die eigenen Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche, die wir uns selbst auferlegen.

Als mein Leben mit der Brustkrebs-Diagnose aus den Fugen geraten ist, hatte ich oft grosse Mühe zu akzeptieren, dass mein Leben fortan nicht mehr so verlaufen würde, wie ich es geplant hatte. Weiterlesen

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

„Ich habe nicht erwartet, dass ich Sie so schnell wiedersehe“, hatte mir meine Frauenärztin gesagt.

„Ich auch nicht“, hatte ich mit Herzklopfen erwidert.

Da sass ich nun. Ungefähr vier Monate nach meiner letzten Kontrolle, bei der glücklicherweise noch alles in Ordnung war.

Wieder ist es der gleiche Behandlungsraum, in dem ich in der Vergangenheit schon mit so vielen Emotionen kämpfen musste. Und auch heute stecken mir die Tränen im Hals. Wieder fährt das gleiche Ultraschallgerät über meinen Körper mit der Absicht, meinen ersten Verdacht eindeutig zu bestätigen. Und auch heute kann ich die Nervosität vor dem Ergebnis nicht verbergen. Wieder versuche ich, den Gesichtsausdruck meiner Ärztin zu deuten. Doch auch heute gelingt es mir nicht. Wieder zeichnet sich auf dem Monitor neben mir ein schwarzes Loch zwischen dem Gewebe ab. Doch heute ist etwas anders. Weiterlesen

Von Angesicht zu Angesicht

Er war mal wieder fällig: Der jährliche Kontrolltermin zur Mammografie. Schon eine Woche vorher war meine Laune im Keller. Meine Nerven zum Zerreissen gespannt. Eigentlich hatte ich gar nichts Beunruhigendes erwartet. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich an diesem Tag einfach nur eine weitere Bestätigung für meine Gesundheit erhalten würde. Und doch wollte diese Nervosität nicht weichen. Der permanent erhöhte Herzschlag. Die niedrige Schwelle zur totalen Reizbarkeit. Weiterlesen

Raum in mir

Irgendwie habe ich es verloren und bis jetzt noch nicht wiedergefunden – das Vertrauen in meinen Körper. Dieses sichere Gefühl, dass er alle Strapazen aushält, die ich ihm zufüge. Mein Körper wird es schon richten, dachte ich mir immer in meinem jugendlichen Leichtsinn. Das Zuwenig an Schlaf, das Zuviel an Stress und Arbeit, das Zuwenig an Ausgeglichenheit in meinem Leben. Mein Körper ist ja belastbar. Meine Gesundheit war für mich eigentlich selbstverständlich. Warum auch nicht?!

Sie war es nicht – das hat mir der Krebs gezeigt. Was schlussendlich meine Zellen aus dem Gleichgewicht gebracht hat, werde ich nie wissen. Und so sitze ich hier und muss mich wohl einfach mit der Antwort zufrieden geben, dass ich einfach mal Pech hatte. An manchen Tagen macht es mich wahnsinnig – dieses Gefühl von Machtlosigkeit gegen einen potentiellen Rückfall.

Ein Weg, um mit der Krankheit und all den negativen Gedanken fertig zu werden, sind meine wöchentlichen Yoga-Stunden. Weiterlesen