Kontrolle ist gut, relaxen ist besser

Es ist ja so eine Sache mit der Kontrolle. Ich bin 30 Jahre mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass ich mein Leben unter Kontrolle habe. Haben muss. Mit dem Brustkrebs war dann alles anders und spätestens da wurde mir schonungslos klar: Kontrolle im Leben ist eine Illusion. Eine Zeit lang liess es sich gut damit leben. In der Therapie. Als ich keine weiteren Verpflichtungen hatte, ausser wieder gesund zu werden. Doch irgendwann traf auch mich der Krebs-Bewusstseinsschlag und bald schwebte ich mehr und mehr im luftleeren Raum. Beim Thema Krebs funktioniert das irgendwie nicht mit Kontrollverlust. Die Angst vor einem Rückfall wird dann zu übermächtig. Im Kampf gegen meine eigene Krebsangst brauche ich einfach Kontrollhebel, die ich betätigen kann, um mir selbst das Gefühl zu geben, dass ich etwas tun kann gegen diese bösartigen Zellen in mir.

Also wurde ich aktiv und versuchte alles umzusetzen, was in der allgemeinen Meinung gegen eine Tumorbildung empfohlen wird. Sport für die allgemeine Fitness, Yoga und Meditation für meinen seelischen Ausgleich und gesundes Essen mit vielen Antioxidantien, um den angekratzten Zellen in mir schon gleich den Gar aus zu machen. Es hatte sich gut eingespielt – mein „Kontrollsystem“ gegen die Angst. Bis zu meiner letzten Nachkontrolle bei meinem neuen Onkologen.

Ich hatte ihn wechseln müssen – meinen Zaubertrankmischer im weissen Schafspelz. Und nun sass ich da. In seiner Sprechstunde und nach einem kurzen Gespräch über meine Geschichte, Nachkontrollen und meine Angst vor einem Rückfall kam es vom Druiden wie aus dem Zauberstab geschossen:

„Ach, wissen Sie…die Entstehung von Krebs ist so komplex und wird durch so viele Faktoren begünstigt. Ob Sie ein- oder zweimal in der Woche Sport treiben, oder was Sie essen, ist da recht unerheblich. Manchmal, wie wahrscheinlich in Ihrem Fall, ist es auch einfach nur Schicksal!“

Wäre dieser Blog ein Asterix Comic, dann würde an dieser Stelle eine riesige Gedankenblase mit „Peng“, „Krawumm“, Pfeilen und Sternchen erscheinen. Meint er das wirklich ernst? Schicksal. Willkür. Oder einfach nur Pech? Und wer sagt mir, dass das Schicksal nicht wieder irgendwann zuschlägt? Kann ich es nun wirklich nicht beeinflussen, ob der Krebs wiederkommt? Ist diese Kontrolle nun auch wieder eine Illusion? Kann ich meine ganzen Bemühungen einfach sein lassen?

Wenn ich morgens meinen grünen Tee schlürfe, gibt es mir doch einfach so ein gutes Gefühl zu wissen, dass viele kleine Gallier mit ihrem Zaubertrank gegen den grossen bösen Cäsar kämpfen. Wenn ich beim Sport das Blut schneller durch meine Adern pumpe, denke ich, dass sich Krebszellen bei der Geschwindigkeit gar nicht so schnell in meinem Körper festsetzen können. Wenn ich mir während einer Meditation vorstelle, dass ich mit meinem Atem alle negativen Energien in meinem Körper erfasse und mit dem Ausatmen heraustransportiere, dann denke ich, dass ich mein inneres Gleichgewicht damit positiv beeinfluss kann.

Mir ist klar, dass es alles Gedankenspiele sind. Aber kann nicht der Glaube Hinkelsteine versetzen? Irgendwie möchte ich den Gedanken nicht aufgeben, dass ich mit meiner Lebensführung ein bisschen Einfluss auf die Tumorneubildung nehmen kann. Und dennoch…

Irgendwie muss ich mir eingestehen, dass er wahrscheinlich nicht ganz Unrecht hat – Miraculix, mein Onkologe. Denn wenn ich nur mal mein Leben als Neu-Mutter betrachte, dann wird mir schnell klar, dass ich nicht wirklich kontrollieren kann, wie der Alltag verläuft.

Plane ich ein entspannendes Mama-Auszeit-Welleness-Wochenende mit einer Freundin, bringt das Kind seinen ersten Supervirus aus der Krippe mit und verschafft der Mutter eine schlaflose Nacht vor der Abfahrt, ein schlechtes Gewissen, weil sie ihr krankes Kind alleine lässt, gefolgt von einem Welleness-Aufenthalt mit Kopf-Gliederschmerzen und Fieber. Verplane ich etwas Sport, Freunde treffen und Kino-Gänge in einer Woche, in der Mann und Kind ausser Haus sind, beschliessen meine Mandeln, dass sie mich mit einem dicken Hals ans Bett fesseln.

Ich – die ehemalige Brustkrebspatientin und Mutter eines einjährigen Sohnes, die seit ihrer Krebserkrankung den kleinsten Schnupfen eigentlich überhaupt nicht mehr ertragen kann – ich muss mich damit abfinden, dass mich seit einem halben Jahr im Zwei-Wochen-Rhythmus immer wieder ein neuer Infekt überfällt. Dass ich es nicht kontrollieren kann, welchen Virus mein Sohn als nächstes aus der Krippe mit nach Hause bringt. Die einzige Möglichkeit, mich nicht anzustecken, wäre, meinen Sohn auf zehn Meter Abstand zu halten. Da das keine wirklich realistische Option ist, habe ich mich für das LEBEN mit all seinen Konsequenzen entschieden. Und so langsam lerne ich als Mutter zu akzeptieren:

Relax! Nothing is under control.

Wieder so eine Lehre, die man aus dem Leben mit Kindern ziehen kann. Doch kann mir diese Einstellung auch beim Thema Brustkrebs gelingen? Es wäre wahrscheinlich gesünder! Es wäre wahrscheinlich gesünder, in der Zeit, in der ich hektisch meine schmerzende Brust abtaste, einfach ein entspannendes Bad zu nehmen. Es wäre wahrscheinlich gesünder, einfach eine Runde joggen zu gehen, wenn das beklemmende Gefühl der Angst wieder in meinen Körper steigt. Es wäre wahrscheinlich gesünder, ein Lektion Yoga einzulegen, anstatt düstere Gedanken in meinen Kopf zu lassen. Ja, all das wäre wahrscheinlich gesünder, wenn ich beim Thema Krebsrückfall einfach nur relaxen und schauen könnte, was das Schicksal mit mir vorhat.

Aber ich schaffe es irgendwie nicht. Denn das Schicksal scheint oft wie reine Willkür und hat mir in der Vergangenheit zu schlecht mitgespielt. Und ich will meine Gesundheit nicht dem Schicksal überlassen!! Aber ich gebe zu, dass es sich wahrscheinlich lohnen würde, an solch einer meditativen Einstellung zu arbeiten. Vielleicht wird es mir in Zukunft das eine oder andere Mal gelingen. Vielleicht auch einmal öfter. Oder vielleicht auch gar nicht?

In der Zwischenzeit werde ich weiterhin meinen grünen Tee trinken. Ich werde weiterhin im Wald joggen, zum Yoga gehen und mich ausgewogen ernähren. Aber vielleicht weniger aus dem Grund, die potentiellen Krebszellen in mir zu kontrollieren, sondern einfach weil ich es gerne mache. Weil der Geschmack von grünem Tee mich am Morgen wach macht. Weil der Geruch des Waldes und das Rauschen der Blätter im Wind mich in dieser hektischen Zeit durchatmen lassen. Weil eine Stunde Yoga bei Kerzenschein mir so viel Energie zurückgibt. Vielleicht liegt die goldene Mitte zwischen Kontrolle und Schicksal einfach darin, das Leben mit all seinen Facetten zu geniessen.

Ein Versuch ist es wert.

6 Gedanken zu “Kontrolle ist gut, relaxen ist besser

  1. SaMaTe schreibt:

    Guten Morgen aus dem Neanderthal!!
    Ach wie gut ich Dich verstehe! Und genau aus dem Grund habe ich mir damals, bevor die ganzen Therapien anfingen, eine Psychoonkologin gesucht und ich muss immer wieder sagen: es war die beste Entscheidung ever!!
    Mein Freund arbeitet ja nun in der Psychiatrie, auch als Psychologe und Therapeut, hat mit Schwerstkranken zu tun, mit ihm kann ich so gut über alles reden, er sagt immer, es schadet nicht gesund zu leben. Aber es verhindert eben auch nicht krank zu werden. Besser ist schon, alleine für die Umwelt, gesund zu leben. Aber selbst wenn man es tut, heißt es nicht, dass man NICHT krank werden kann. Es gibt keine Garantie.
    Und ich glaube, das ist es, was die Menschen haben möchten, Garantien, dass ihr Verhalten Wirkung zeigt. Wenn ich das tue, dann wird jenes passieren. Oder wenn ich das unterlasse, wird jenes nicht eintreten.
    Ich kann diese ganzen „Erklärungen“ mittlerweile nicht mehr hören. Meist von vermeintlich „Gesunden“, die mir erzählen wollen, was ich tun sollte oder besser unterlassen… und ich glaube, sie reden nur gegen ihre eigene Angst an, krank zu werden. Krebs zu kriegen.
    Wenn wir bei jeder Autofahrt, die wir planen, vorher die Statistik über Unfalltote hervorkramen, darüber lamentieren, was passieren könnte, wenn ein Reifen platzt, wie oft schon Reifen geplatzt sind, darüber nachdenken, wie viele Idioten unterwegs sind, die uns unschuldig in Unfälle ziehen können… wenn wir all das jedesmal haarklein bedenken würden… säßen wir nur bibbernd zu Hause und kämen nicht vom Fleck.
    Ja, Du kannst wieder krank werden, und die Frau, die Dir entgegen gejoggt kommt, kann überhaupt das erste Mal krank werden, vielleicht überlebt sie dieses Jahr nicht, weil ein Lastwagen ins Stauende rast und sie in dem Wagen am Ende sitzt…
    Ja ja ja ja, kann alles passieren, muss aber nicht. Es kann auch alles gut gehen. Wenn negative Gedanken Unheil abhalten könnten, würde ich sagen, setzen wir uns gemeinsam in eine Ecke und jammern und leiden und ängstigen uns fürchterlich. Doch leider ändert das an dem, was uns passieren wird oder nicht, nichts. Es verschlechtert nur unsere Lebensqualität. Also lassen wir das doch besser.
    Wir haben keine Kontrolle über das, was uns das Schicksal schickt (darum ja auch der Name – sic!) aber wir haben die Kontrolle darüber, wie wir damit umgehen und also auch, wie wir uns fühlen.
    Ich war vor vielen Jahren mal in einer Psychosomatischen Klinik (als mein Mann starb), mit am Mittagstisch saß eine echte Hypochonderin, ich hatte das noch nie erlebt, immer nur gelesen, die Frau hatte alles, litt an allem, und zwar fürchterlich, ganz fürchterlich, und dabei hatte sie: NICHTS!! Sie war kerngesund.
    Mein Freund sagt immer „die Welt findet sowieso nur in unserem Kopf statt“ (wer mit Schizophrenen umgeht, kennt diesen Spruch vermutlich gut) und manchmal denke ich, in unserer materiell ausgerichteten Welt ist das leider wahr.

    Jetzt habe ich aber viel geschrieben 😎
    Ich wünsche Dir alles Gute und ein Gedanke noch, weißt Du, was mir hilft? Ich sage mir immer, ich tue alles, was ich tun kann, damit ich gesund bleibe, ich versuche mein bestes, mehr kann ich nicht tun. Und jetzt lebe ich!
    Möge Dir das auch gelingen!
    Alles Liebe!
    Gabi

    • Red & Welly schreibt:

      Liebe Gabi
      Deine Gedanken zu meinem Beitrag finde ich wunderbar und sicherlich hast du mit allem Recht, was die Kontrolle angeht. Aber am besten finde ich immer noch die Worte deines Freundes „die Welt findet sowieso nur in unserem Kopf statt“. Ich glaube, darin liegt auch das ganze Problem und auch alle Möglichkeiten, die Angst in den Griff zu kriegen. Mir hilft da sehr die Achtsamkeitsmeditation, bei der ich mir ganz klar vor Augen führe, dass ich im Moment gesund bin und das geniessen sollte.
      Doch glaube ich auch, dass die Gedanken an das Geschehene nie ganz verschwinden werden und sie machen manchmal einfach Angst. Sie werden immer weiter verblassen und ich lerne immer mehr, damit umzugehen. Und ein Stück weit sind die Gedanken an die Krebserfahrung auch hilfreich, um das Hier und Jetzt mehr zu schätzen.
      Hoffentlich können wir alles es noch lange geniessen: das Hier und Jetzt!
      Alles Liebe und Danke!

  2. Sabine Levi schreibt:

    Was für ein schöner Beitrag! Du sprichst mir ganz aus dem Herzen. Auch ich stelle mir all diese Fragen, vor allem beschäftigt mich aber, mehr als Sport, Ernährung, usw, der Einfluss meiner seelischen Ausgeglichenheit auf meine Gesundheit. Wenn du Lust hast, schau doch bei mir mal vorbei (http://brustkrebsgeschichten.blogspot.co.il/2016/07/warum-krebs.html).
    Übrigens: Über dein Grüntee-Trinken musste ich schmunzeln – auch ich bin zum mehr oder weniger überzeugten Grüntee-Trinker geworden…
    Alles Gute!

    • Red & Welly schreibt:

      Vielen Dank für deine lieben Worte. Ich denke, wenn wir durch den Krebs wieder gelernt haben, das Leben zu geniessen und ab und zu auf unser körperliches und seelisches Gleichgewicht achten, dann hat diese Krankheitserfahrung doch noch etwas Positives. Dir weiterhin alles Gute.

  3. Anna Wüstner schreibt:

    Toller Blog, wirklich vielen Dank, dass du deine Gedanken mit uns teilst. Ich denke, bei solchen Krankheiten hat die eigene Einstellung einen sehr großen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Natürlich darf man auch nie gute Beratungen, Behandlungen und professionellen Rat nicht unterschätzen. Es gibt heutzutage unterschiedliche Methoden, man sollte auf jeden Fall das richtige für sich finden. Weiterhin alles Gute und immer positiv bleiben.

  4. Red & Welly schreibt:

    Liebe Anna. Vielen Dank deinen schönen Beitrag. Ich denke auch, dass jeder Patient und jede Patientin für sich entscheiden muss, was in der eigenen Situation das beste ist. Glücklicherweise haben wir heute ja viele Wahlmöglichkeiten. Alles Liebe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s