Zwischen Hoffen und Bangen

Vor einigen Wochen hatte ich mal überlegt, diesen Blog für eine Zeit ruhen zu lassen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich meine Themen immer weniger um den Krebs drehen. Das Leben und der Alltag hatten mich wieder. Der Krebs war für mich mit meiner 5-Jahres Überlebensrate (fast) Vergangenheit.

Bis letzten Montag. Dem Tag, an dem ich eine neue Hautläsion auf meinem Dekolleté infrage gestellt hatte. Ich hatte sie schon vor einiger Zeit bemerkt – die Pickel auf dieser Hautstelle und hatte mir erst einmal nichts dabei gedacht. Wer hat schon eine reine Haut?! Besonders im Winter?! Doch irgendwie waren mir die roten Pusteln an diesem Montag nicht mehr ganz geheuer und so beschloss ich, meiner Ärztin ein Foto mit der Bitte um eine kurze Einschätzung zu schicken. Vollkommen im Bewusstsein, dass sie es als einfache Hautunreinheit abtuen würde.

Auf ihre Antwort war ich nicht vorbereitet. Seitdem ist das Krebsthema wieder erschreckend real in meinem Alltag. Seitdem verbringe ich die Tage bis zur Gewissheit zwischen Hoffen und Bangen:

„Ja, ich denke auch, dass das abgeklärt werden sollte!“, war ihre Antwort. Mit Ausrufezeichen! „Ich kann das auch biopsieren… Hätten Sie diese Woche noch Zeit, vorbeizukommen?“

Als ich die E-Mail auf meinem Smartphone lass, sass ich grad im Auto auf dem Zooparkplatz. Eigentlich wollte ich mich grad bereit machen, mit meinem Sohn Pinguine, Fische und Elefanten anzuschauen. Doch an diese Stelle drängte sich eine düstere Erinnerung an die Zeit des Wartens vor meiner ersten Brustkrebsdiagnose und ein tränenreiches Telefonat mit meinem Mann. Er überzeugte mich, schnellstmöglich einen Termin zu machen und danach den Tag mit meinem Sohn im Zoo zu geniessen. Es sei nur eine Abklärung und noch nichts entschieden. Leises Hoffen.

Ein Anruf im Brust-Zentrum. Vor Weihnachten sei die Hölle los und der früheste Termin erst am Freitag möglich. Verdammt lange 5 Tage bis zur Abklärung. Bangen.

Der Zoobesuch mit meinem Sohn. Sein Funkeln in den Augen, als er die vielen bunten Fische in den riesigen Aquarien sieht. Ein Ablenkungsversuch. Hoffen. Finstere Gedanken, dass ich vielleicht nicht mehr lange für ihn da sein kann. Bangen.

Ein Termin am Nachmittag bei meiner Psychologin. Gutes Zureden. Zuhören. Die Aufforderung, mir Dinge zu suchen, die mir guttun. Der Versuch, mit sündhaft teurem Sushi ein Gefühl der Erleichterung zu erlangen. Hoffen.

Am nächsten Tag versuche ich, meine Gedanken in Arbeit zu ertränken. Ich schaffe es nur in Sequenzen. Am Nachmittag frage ich eine unserer Onkologie-Schwester nach ihrer Meinung. Sie hält sich bedeckt. Kollegial, verständnisvoll, aber zurückhaltend. Ich kenne sie ja. Die verhaltenen Reaktionen beim Thema Krebs. Niemand, der vom Fach ist, sagt dir einfach banal, dass es schon nichts sein wird. Bangen.

In der Nacht nehmen die schwarzen Gedanken Überhand. Nächste Woche fliegen wir über die Weihnachtsfeiertage zu der Familie nach Berlin. Vorfreude. Was, wenn ich ihnen genau dort sagen muss, dass der Krebs wieder da ist? Die Reaktion meiner Mutter möchte ich mir gar nicht vorstellen. Bangen ist zu wenig. Panik. Verzweiflung. Die Versuche von meinem Mann, meine gedanklichen Horrorszenarien zu stoppen, fruchten nicht mehr. Die Nacht wird schlaflos und dunkel.

Halb lethargisch fahre ich am nächsten Morgen wieder zur Arbeit. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich gedanklich schon fast mit meinem neuen potentiellen Krebsleben abgefunden habe. Wut auf mich selbst. Wo ist er – mein Kampfesgeist, der mit mir stätig die letzten Jahre den Krebs gedanklich in den Allerwertesten getreten hat? Irgendwie kann ich ihn grad nicht finden.

Bei der Arbeit fragt mich mein neuer Arzt-Chef, ob alles in Ordnung sei? Obwohl ich das Thema eigentlich für mich behalten möchte, erzähle ich ihm, dass ich etwas abklären lassen muss. Ein kurzer Blick seinerseits auf meine Hautflecken.

„Also, ich bin kein Dermatologe, aber zu 90 Prozent würde ich sagen, dass du dich beruhigen kannst. Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber DU WIRST EINFACH ALT. Und deine Haut auch.“ Er ist nicht Dermatologe, aber Onkologe und beim Thema Krebs darf man mir ruhig sagen, dass ich alt werde. Ein kleines Lächeln. Hoffnung.

Ich beschliesse, die Läsionen noch unserem erfahrensten und auf Brustkrebs spezialisierten Onkologen zu zeigen. Er nimmt seine Brille ab, leuchtet mit seinem Handyblitz während ich erzähle, in welch emotionaler Achterbahn ich seit Tagen fahre. Zwischen all seinem, nicht immer für mich ganz verständlichen Schweizerdeutsch-Gemurmel höre ich nur: „Das ist ziemlich sicher kein Tumor.“ Und: „Ich würd das erstmal beobachten und gar nicht biopsieren.“ Drei Ärzte, vier Meinungen. Aber das erste Mal seit Montag überwiegt mal wieder die HOFFNUNG.

Heute ist die Biopsie. Die Flecken sind seit gestern markant kleiner geworden. Ich hatte schon überlegt, den Termin erst einmal abzusagen. Aber ich brauche Gewissheit. Trotz alledem: Bangen.

2 Gedanken zu “Zwischen Hoffen und Bangen

  1. oliver2punkt0 schreibt:

    Ich kenne das Gefühl… man hat sich wieder in seinem Leben eingerichtet und dann ist da plötzlich wieder ein Schatten an der Wand.
    So wie es bei Dir aussieht, verschwindet genau dieser wieder. Gut!
    Ich wünsche Dir eine schöne Weihnachtszeit!
    Oliver 2.0

  2. Yael Levy schreibt:

    Oh Schreck! Ich wünsche dir alles Gute! Mir ist etwa einen Monat vor dir etwas ähnliches wiederfahren. Zum Glück war es dann kein Tumor, leider musste ich aber fast zwei Wochen auf den Befund der Biopsie warten…

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