Traum oder Trauma

Es hat mich aus dem Schlaf gerissen. Nächtelang. Immer wieder. Zuerst dachte ich, ich hätte nur schlecht geträumt. Aber auch am Tag wollte es nicht weichen. Dieses ungute Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Mit dem neuen Leben in mir.

Eigentlich wusste ich nicht so genau, wodurch es ausgelöst wurde. Aber irgendwie hatte ich in den letzten Tagen immer weniger Bewegungen gespürt. Dabei hatte das schlaue Schwangerschaftsbuch, das mir meine Freundin gegeben hatte, doch klar versichert, dass sie immer mehr zunehmen sollten. Die Tritte, Kniffe, Purzelbäume und Schluckauf-Episoden. Was dort zwischen den Seiten als aufsteigende Tendenz beschrieben wurde, war bei mir klar absteigend gewesen in den letzten Tagen. Als die Angst am grössten war, standen wir – dem perfekten Panick-Attacken-Timing sei Dank – grad vor einem verlängerten Feiertagswochenende. Meine Frauenärztin war bereits in ihrer wohlverdienten Kurz-Auszeit und der einzige wirklich seriöse Wege einer gynäkologischen Abklärung war für mich der Weg über den Notfall. War es wirklich ein Notfall?

Also entschied ich mich, dieses Thema für meinen Seelenfrieden erst einmal mit meinen Mutti-Freundinnen zu diskutieren. Schliesslich konnte ich ja diesbezüglich ja auf einen reichen Erfahrungsschatz in meinem Bekanntenkreis zurückgreifen. Alle meine lieben Zuhörerinnen bestärkten mich in dem, was mir mein Kopf ohnehin schon sagte. Jede Schwangerschaft verläuft anders. Jedes Kind ist unterschiedlich in seinem „Bauchtemperament“. Es sei bestimmt alles in Ordnung.

Doch in der nächsten Nacht holte es mich wieder aus dem Schlaf. Das Herzrasen. Die Atemlosigkeit. Dieses ungute Gefühl im Bauch. Egal, was mein Kopf dem Bauch für Argumente vorlegte. Es ging nicht weg. War es also doch ein Zeichen mütterlicher Intuition, dem ich nachgehen sollte? Mitten in der Nacht entschied ich mich, Dr. Google und Prof. Wikipedia eine Chance zu geben. Überflüssig zu erwähnen, dass mich das nicht beruhigte.

Also diskutierte ich mit meinem Mann, ob ich meinem Kopfkino nachgeben und bei strömenden Regen doch noch zum Notfall rasen sollte. War es wirklich so akut? Wie oft hatte ich solch eine Situation in den letzten Jahren schon durchgemacht: der Angst nachgegeben und mich ärztlich durchchecken lassen. Mit dem Resultat, dass letztendlich doch alles in Ordnung war. Bei all den Kosten, die meine Krebserkrankung in den letzten Jahren verursacht hat, würde es mich einmal sehr interessieren, wie hoch der Anteil der körperlichen Check-ups war, der nur auf die emotionalen Nachwirkungen meines Traumas zurück zu führen sind.

Auf der anderen Seite – wenn nun wirklich etwas sein sollte –, könnte mein Mann es mir verzeihen, dass ich meinem Bauchgefühl nicht nachgegeben hatte? Er könnte. Aber könnte ich es?

Und auf einmal war es glasklar, was mir die letzten Nächte den Schlaf geraubt hatte. Mein eigener Zwang, diese Situation mal wieder unter Kontrolle zu haben. Meine Angst, vielleicht eine falsche Entscheidung zu treffen. Meine Angst, dass sich das Leben wieder einmal gegen mich entscheiden würde. Dabei musste ich doch ziemlich schnell einsehen, dass zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft weder ich noch irgendein Arzt etwas hätte tun können, sollte sich das neue Leben dazu entscheiden, zu gehen. Ich hatte es nicht in der Hand. Ich konnte nur vertrauen, dass es gut geht. Und so entschied ich mich, auf meinen nächsten regulären Ultraschall am Montag zu warten. In der nächsten Nacht schlief ich wieder – ohne zu erwachen.

Zurzeit fühlt es sich an wie ein Traum. Meine Schwangerschaft, mein Leben. Manchmal ist es so unwirklich, dass ich es kaum als real empfinden kann. Wie kann nach dem Brustkrebs auf so viel Pech so viel Glück folgen? Eigentlich sollte ich doch einfach den Mund halten und das Leben im Moment geniessen. Einfach mal leben, eben. Doch das Trauma, das die Talfahrt meiner Lebensaktien vor gar nicht so langer Zeit verursacht hat, schwingt in den Momenten des vollkommenen Glücks eben immer ein Stück mit. Zu gross ist an schlechten Tagen die Angst, dass ich genau dieses Glück morgen wieder verlieren könnte. Dass die Achterbahnfahrt des Lebens wieder ganz steil nach unten führt und mir das Mageninnere nach oben treibt. Vielleicht sollte ich einfach meiner Mutter glauben, die mir auf meine Angst angesprochen sagte:

Vielleicht muss ja nicht alles in deinem Leben in einer Katastrophe enden.

Mütter haben doch immer recht, oder?

2 Gedanken zu “Traum oder Trauma

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