Ich wär‘ dann gern mal weg.
Weg von diesem Blog. Weg aus meinem Cancer-Survivor-Status. Weg aus meinem Leben, das sich immer wieder um Krankheit, Verlust und Abschied dreht. Denn nach all den Jahren des bloggens und schreibens merke ich, dass ich eigentlich keine Worte mehr dafür habe.
Ende letzten Jahres hatte ich bei meinen RedWelliesBlog bereits den Mauszeiger auf dem Button „Account löschen“ gerichtet. Ich wollte sie löschen, diese Seite, für die sich wahrscheinlich kaum jemand mehr interessiert.
Doch ich konnte es nicht.
Zwischen Weihnachten und Neujahr schrieb ich an einem letzten Buchbeitrag für ein weiteres Gemeinschaftsprojekt zum Thema „Arbeiten und Krebs“. Es wäre der letzte Beitrag zum Thema Krebs, den ich schreiben würde. Denn dazu war alles gesagt.
Dachte ich.
Doch das war es nicht. Und ich frage mich, warum.
Ich wär‘ dann gern mal weg
So lautet ein Kapitel meines Buches „Krebs ist kein Small Talk“. Ein Kapitel, in dem ich den Beginn meiner Chemotherapie beschreibe. Ein Kapitel, in dem ich gern aus meinem Alltag geflohen wäre. Weit weg von Infusionen, Tabletten, Spritzen und Entscheidungen über Gesundheit, Krankheit und Familienplanung.
Damals wollte ich weg, um dem Brustkrebs zu entfliehen. Weit weg von der Angst, dass die Therapie vielleicht nicht anschagen und ich die Brustkrebserkrankung nicht überstehe würde.
Ich wollte weg und den Jakobsweg laufen. Wenn ich wieder gesund bin.
Beides habe ich mittlerweile erreicht. Meine wiedererlangte Gesundheit und die Pilgerreise auf dem Jakobsweg. Und noch soooo vieles mehr. 15 Jahre Leben! 15 Jahre mehr, als ich damals gedacht hatte.
Ich bin also wieder da. In einem Leben, das sich nach dem Brustkrebs mehr oder weniger „normal“ anfühlt. Wenn es so etwas wie „normal“ überhaupt gibt.
Ich bin da: In einem Körper, den ich persönlich als gesünder empfinde, als vor meiner Erkrankung. Denn es hat so viel Heilung in mir in den letzten Jahren stattgefunden. In meinem Körper durch einen neuen Zugang zum Thema Ernährung, Bewegung und Schlaf. In meinem Geist durch das tägliche praktizieren von Achtsamkeit. Und in meiner Seele durch das jahrelange Schreiben und Verarbeiten meiner Geschichte.
Das Durchleben meiner Krebserkrankung und Konfrontation mit meiner eigenen Endlichkeit haben mich geprägt. Sie tun es bis heute. Und aus all den Herausforderungen, die das Leben als Cancer Survivor so mit sich bringt, habe ich etwas gemacht.
Denn ich habe mir erlaubt, neue Fragen zu stellen und nie stehen zu bleiben.
Denn das Leben tut es ja auch nicht.
Doch irgendwie hatte ich erwartet, dass mein inneres Cancer-Survivorship irgendwann mal vorbei ist. Ein Ende hat. Äußerlich und innerlich.
Doch dann stieß ich beim Aufräumen meines Schreibtischs auf den Brief einer privaten Krankenkasse, den ich dort bereits seit Jahren geparkt hatte. Einen Antrag auf einen privaten Versicherungsschutz für Krankenhausaufenthalte, den ich vor einiger Zeit für mich und meinen Sohn gestellt hatte. Und ich las die Antwort, die die Versicherungs-AG postwendend geschickt hatte.
Gern übernehmen wir für Ihren Sohn den Versicherungsschutz nach dem Tarikf KlinikSpezial.
Ihnen können wir die gewünschte Versicherung jedoch leider nicht anbieten. Maßgeblich für unsere Entscheidung sind die vorgeschriebenen Nachkontrollen des Mamma-Ca.
Da war er also wieder: der Stempel Krebs. Der Stempel, der trotz langjähriger Krebsfreiheit/Gesundheit noch nicht abzuwaschen geht. Weder im Gesundheitssystem, noch in den Köpfen der Menschen.
Krebs. Eine Erkrankung, die bis vor einigen Jahrzehnten noch nicht so richtig fürs Überleben gemacht war. Doch das hat sich dank der medizinischen Forschung glücklicherweise geändert. Wir können überleben, wenn die Krankheit frühzeitig erkannt wird. Oder längere Zeit mit ihr leben, wenn sich doch wieder Metastasen im Körper breit machen.
In meinem Fall hatte ich viel Glück im Unglück. Der Krebs war in den letzten Jahren eher Teil meines Geistes und meiner Seele, als Teil des Körpers. Jeden Morgen bin ich dankbar dafür.
Ich erinnere mich noch gut an eine meiner letzten Nachkontrollen bei meinem Onkologen in Zürich, der zu mir so eindrückliche Worte sagte, wie:
„Ich glaube, diesen Brustkrebs können Sie für sich abhaken. Sollten Sie noch einmal erkranken, dann wird es wahrscheinlich ein neuer Krebs sein.“
Worte haben Wirkung. Denn an diese Worte habe ich in den folgenen Jahren immer wieder gedacht, wenn meine eigenen Gedanken voller Angst zweifelten. Diese Worte – die Worte des Onkologen – sollten Recht behalten. Bis heute.
Doch mit der Rückkehr nach Deutschland vor vielen Jahren drehte sich diese medizinische Einschätzung. Nicht nur die besagte Krankenkasse lehnte eine genauere Überprüfung meines Falls und wirklichen Rückfallrisikos ab. Auch viele medizinische Fachkräfte, die mir in den letzten Jahren der Nachkontrollen begegnet sind, hatten häufig mehr Angst ivor meiner triple negativen Brustkrebserkrankung, als ich.
Ich erinnere mich noch gut an die junge Medizinstudentin im praktischen Einsatz, die mir nach der unauffälligen Mammografie im vergangenen Februar noch die Brüste schallte. Wir sprachen so hin und her. Was man so sagen kann in fünf Minuten. Und auf einmal kam sie wieder – die zweifelnde Frage:
„Sagen Sie mal. Warum hat man denn bei Ihnen gar keine genetische Testung gemacht? Das wäre doch sinnvoll gewesen. Mittlerweile kann man nicht nur auf die BCRA-Genmutation testen, sondern noch viel mehr.“
„Ach, wissen Sie, ich habe mich damals nach dem Gespräch mit dem Genetiker dafür entschieden, keine Testung durchzuführen. Denn Dinge zu wissen ist das eine. Wie ich mit dem Wissen hätte umgehen sollen, wäre das andere. Und ich habe mich damals einfach für VERTRAUEN entschieden.“
Fragende Blicke, ein müdes Lächeln und die Antwort: „Alles klar. Ich wollte Ihnen ja nur sagen, was noch möglich wäre.“
Fünfzehn Jahre. Fünfzehn Jahre liegen zwischen meiner genetischen Beratung von damals und dem Angebot von noch mehr potentiellem Wissen von heute. Fünfzehn Jahre und viele, viele Menschen im Gesundheits- und Versorgungssystem, die einen unterschiedlichen Blick auf mich und meine Erkrankung hatten.
Doch eines hatten sie alle gemeinsam: für sie stand die Krebserkrankung VOR meiner Gesundheit.
Ich wär‘ dann gern mal weg. Weg aus einem System, das mich immer noch als chronisch krank betitelt, obwohl ich mich vollkommen gesund fühle. Weg aus einem Alltag, in dem mir durch die Krebserkrankung gewisse Entscheidungen für Versicherungen & co nicht mehr möglich sind.
Denn ich frage mich: Wie gesund kann ich werden in einem System, das mich nach wie vor als krank betitelt?
Und genau deshalb ist die Diskussion um das Recht auf Vergessen so wichtig.
An dieser Stelle möchte ich gern auf die Petition „Recht auf Vergessen“ aufmerksam machen, die sich genau mit diesem Thema auseinandersetzt. Eine Petition, die sich vor allem für die vielen Menschen einsetzt, die bereits im Kinder- und Jugendalter eine Krebserkrankung überlebt haben und mit den Folgen der fehlenden Versicherbarkeit und Möglichkeiten von Krediten leben müssen. Schaut euch die Petition an und unterzeichnet sie, damit eine Krebserkankung auch irgendwann mal im Leben ein ENDE finden kann!
Was mich betrifft, so habe ich entschieden, auch weiterhin auf diesem Blog auf die Suche nach Antworten zu gehen, die das Leben nach Brustkrebs mir stellt. Denn ich merke, dass ich ihn brauche. Diesen Raum des Schreibens, der meine Gedanken klärt und mir immer wieder neue Erkenntnisse bringt. Denn ich merke, wie stark mich die Erfahrung des Erlebten geprägt und sich in Körper, Geist und Seele niedergelassen hat.
Und sollte es wirklich einmal dazu kommen, dass das System, in dem ich lebe, meine Brustkrebserkrankung in den Akten „vergisst“, so muss ich mir die Frage stellen:
Kann ich das? Den Krebs vergessen?
Ich schätze, das ist Stoff für einen weiteren Blogbeitrag. ;-)