Mutig, verrückt, oder einfach normal?

Seit einer Woche bin ich wieder zurück von meiner Pilgerreise. Versuche, langsam wieder aufzusetzen auf der Landebahn des Alltags. Zugegeben: ich habe immer noch etwas Mühe, die passende Antwort auf die Frage zu finden, die mir in den letzten Tagen am häufigsten gestellt wurde:

„Und? Wie war’s?“

Wie oft habe ich genau das meinen Sohn nach einem Schultag gefragt und mich dann über die einsilbige Antwort – naja, sagen wir – gewundert ;-)

Ähnlich sprachlos stand auch ich in den letzten Tagen vor all den Menschen, die natürlich mehr über meine Reise erfahren wollten. Denn meistens waren es Gespräche zwischen Tür und Angel, die kaum genug Zeit ließen, um den Erfahrungen des Weges wirklich gerecht zu werden. Denn die Erlebnisse muss ich erst einmal sacken und im wahrsten Sinne in mir arbeiten lassen, bevor ich die passenden Worte dafür finden kann. Und ein Blogartikel würde dafür auch definitiv nicht ausreichen. Soviel steht schon einmal fest ;-)

Doch wenn ich ein Wort für meine Pilgerreise finden müsste, dann wäre es wohl:

„Besonders!“ oder „Zur Nachahmung empfohlen“.

Diese Antwort hat in den Gesprächen meistens erst einmal ausgereicht. Doch postwendend gab es eine Reaktion, die ich mit Abstand am häufigsten erhalten habe, und die mich sehr zum Nachdenken bringt.

Bist du allein gegagen? Als Frau? Boah, du bist aber mutig. Das könnte ich nicht!“

Mutig. Bin ich mutig, weil ich allein auf Reisen gehe? Wenn ich an die letzten Wochen denke, kommen mir viele Situationen in den Sinn, in denen ich mich alles andere als mutig gefühlt habe.

Drei Wochen war ich unterwegs, habe mit dem Zug, Bus und dem Flugzeug vier Länder durchreist, bin mit elf Kilo im Rucksack gestartet und mit acht wieder zurückgekehrt. Insgesamt zwölf Tage war ich auf dem portugiesischen Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela, zehn Tage davon zu Fuß. Einen Tag musste ich meine Beine in Barcelos einfach hoch- und eine Pause einlegen. Denn nach den ersten drei Tagen waren meine Waden so schmerzhaft durch Muskelkater verhärtet, dass sich in meiner Achillessehne erste Entzündungszeichen breitgemacht haben.

Tja, was tust du, wenn dein Körper dir deine persönlichen Grenzen aufzeigt? Nimmst du sie wahr? Ignorierst du den Schmerz? Überschreitest du sie, weil du denkst, es zu müssen? Oder arbeitest du mit der Botschaft, die sie dir zurufen? Was mich betrifft, so bin ich einen weiteren Tag Richtung Bahnhof gehumpelt und habe zwei bergige Etappen per Zug absolviert, um nicht im „Off“ zu landen und meine nächsten Tagesetappen entsprechend verkürzen zu können. War das mutig? Auch in mir haben sich in diesen Tagen viele Selbstzweifel und Ängste breitgemacht.

War das wirklich so eine gute Idee?

240 km laufen. Es war doch klar, dass du das nicht schaffst…

Du wusstest doch, dass der rechte Fuß deine Schwachsstelle ist…

All diesen inneren Stimmen durfte ich mich stellen, wenn ich alleine in irgendeinem Bett lag. Doch dann gab es da auch immer wieder Hilfeangebote von Menschen, die ich bis dato nur flüchtig kannte, und die einfach da waren, wenn man sie brauchte.

Auf dem Weg durfte ich eine unendlich große Gastfreundschaft der Portugiesen und Spanier erleben, viele tolle Pilgerbekanntschaften machen und Gespräche über das Leben führen, wie man sie nur selten erlebt. Jeden Tag habe ich mich aufs Neue mit meinem Gepäck zu einem weiteren Ziel aufgemacht, meine Waden gedehnt und die Füße massiert. Ich habe immer wieder an mir gezweifelt und noch öfter den Glauben an mich selbst wiedergefunden. Habe meinen Gedanken freien Lauf gelassen und gesehen, wie sie immer wieder innere Mauern oder auch Brücken gebaut haben. Mit jedem Schritt habe ich Abstand von mir und meinem Leben genommen und bin mir dadurch selbst wieder näher gekommen. Habe gelernt, was wirkliches Loslassen bedeutet und erfahren, wie meine Energien im Körper wieder ins Fließen kommen, wenn der Kopf sich ausschaltet und das Herz sich öffnet.

Und irgendwann durfte ich die Magie eines ganz besonderen Moments erleben: der Moment des Ankommens!

Mutig habe ich mich während dieser Zeit eigentlich nie gefühlt. Vielmehr kam von Tag zu Tag immer mehr die Erkenntnis zurück, wie einfach das Leben eigentlich ist, wenn wir uns auf das fokussieren, was wesentlich ist:

  • gut schlafen,
  • aufstehen,
  • unsere Sachen für den Tag packen,
  • darauf achten, dass der Rucksack nicht zu schwer ist,
  • immer genug Wasser dabei haben,
  • das Ziel im Blick behalten,
  • laufen,
  • den Weg genießen und auf die Zeichen achten,
  • immer schön ein- und ausamten,
  • einen Platz zum Schlafen suchen
  • und sich mit den Menschen verbinden, die dir am Tag begegnen.

„Boah, Jakobsweg. Was machst du denn für verrückte Sachen?“

Auch mit diesem Kommentar reagierten einige Bekannte nach meiner Rückkehr, als sie das Foto meines Ankommens in Santiago de Compostela sahen. Zugegeben: den Moment, nach zwölf Jahren des planens und zwei Wochen pilgerns endlich auf dem Platz vor der Kathedrale zu stehen, kann ich nur schwer in Worte fassen. Aber war meine Pilgerreise wirklich verrückt?

Seit einer Woche lebe ich wieder meinen Alltag und frage mich: Ist es nicht vielleicht anders herum?

Ist es normal, bereits am Morgen mit dem Handy vor der Nase in der Bahn zu sitzen und seinem Gegenüber nicht mehr in die Augen zu schauen?

Ist es nicht verrückt, die Planung des Schul-Sportfestes nach der Regenwahrscheinlichkeit einer Wetter-App auszurichten?

Ist es normal, dass Menschen ihre Lebensträume auf „irgendwann“ verschieben?

Ist es nicht verrückt, dass wir trotz aller Warnzeichen unsere Belastungsgrenzen im Job ignorieren, einfach weitermachen und mit Burn-Out-Symptomen aus dem Leben gekickt werden?

Ist es wirklich unser neues „Normal“, wenn Menschen sich entscheiden, ihr Leben durch einen Sprung vor den ICE zu beenden? Und ist es normal, wenn dann ein Großteil der Zugpassagiere sich über die dadurch entstandene Verspätung aufregt, anstatt Mitgefühl mit dem Opfer und vor allem dem Zugführer zu empfinden?

All diese Situationen habe ich in nur einer Woche Alltag nach meiner Rückkehr vom Jakobsweg erlebt und muss sagen, dass dagegen das Pilgern für mich eine ganz normale und natürliche Sache ist.

Schritt für Schritt habe ich mich nicht nur mit der Welt und der Natur um mich herum verbunden, sondern bin unheimlich tollen Menschen und vor allem mir selbst begegnet.

Ja, vielleicht ist genau das ziemlich mutig und verrückt. Aber sollte nicht das unser aller „Normal“ sein?

2 Gedanken zu “Mutig, verrückt, oder einfach normal?

  1. Gudrun schreibt:
    Avatar von Gudrun

    Ja, ich kann mir vorstellen, dass nach so einer besonderen Reise die Frage nach dem wie, warum, ob oder ob nicht oder Veränderung auftritt. Man den Alltag, die Menschen und viele Situationen mit anderen Augen sieht und sich irgendwie wieder einfinden muss. Vielleicht nicht wie vor der Reise, eben anders, aber irgendwie.
    Liebe Grüße
    Gudrun

    • Red & Welly schreibt:
      Avatar von Susanne Thiem

      Ja, man sieht Einiges im neuen Licht. Schwierig wird jetzt, mit sich selbst nicht wieder komplett is alte Fahrwasser zu geraten, sondern die Erkenntnisse des Weges Schritt für Schritt umzusetzen. Aber dafür lasse ich mir Zeit. Es wird sich alles finden. Liebe Grüße

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