Gemeinsam… etwas weniger einsam

Es ist ein Gefühl, das wahrscheinlich jeder Mann und jede Frau kennt, die den Krebs überlebt haben: das Gefühl von Einsamkeit. Ein Gefühl, das entsteht, wenn die lieben Menschen im eigenen Umfeld einfach weitermachen mit dem „normalen“ Leben. Weil sie es können. Weil der Krebs nicht ihr Leben bedroht hat, sondern nur das eigene.

Die Erkenntnis, dass der Brustkrebs mich ein Stück weit von meinen engsten Vertrauten getrennt hatte, kam eigentlich erst, als die aktive Erkrankung, die Therapien und Arzttermine vorbei waren. Als meine Gedanken begannen, um Leben und Tod zu kreisen, hatte ich das Gefühl, dass alle die „Gesunden“ um mich herum einfach nicht mehr mitreden konnten. Vielleicht war aber auch ich diejenige, die es ihnen nicht mehr zugestehen wollte. Zu gross war die Wut und die Trauer darüber, dass der Krebs einen grossen Scherbenhaufen aus meinem Leben gemacht und alles infrage gestellt hatte.

Doch ich hatte auch sehr grosses Glück in dieser Zeit, denn ich habe sie gefunden: meine Vertrauten im Geiste, meine Ladies, die das gleiche Schicksal hinter sich hatten und mir das Gefühl gaben, dass ich mit ihnen gemeinsam etwas weniger einsam mit meinem Brustkrebs-Schicksal war. Weiterlesen

Eine haarige Angelegenheit

„Was mache ich nun mit meiner Perücke? Wegschmeissen, oder mit nach Deutschland nehmen?“

„Wegschmeissen! Was willst du denn noch damit?“, schoss es mir ziemlich direkt von meiner lieben M. bei unserem letzten Treffen entgegen. „Der Krebs ist doch Geschichte. Du brauchst sie nicht mehr. Also weg damit.“

„Also, ich habe sie für den nächsten Fasching meiner Kinder aufgehoben“, entgegnete meine andere Freundin K.

„Puh, das ist eine schwierige Frage. Ich wüsste nicht, wie ich mich entscheiden würde“, hatten meine Arbeitskolleginnen entgegnet.

Und nun stehe ich hier im Keller vor den Umzugskartons und versuche, sie herauszufiltern: die Dinge und Habseligkeiten, die wir denken im Leben noch brauchen zu müssen. Die Perücke – ordentlich verpackt in ihrer Pappschachtel – in der linken Hand; die Bürste und das dazugehörige Spezialshampoo in der Rechten… Weiterlesen

Take or toss

So, wie wahrscheinlich eine Milliarde andere Frauen auf dieser Welt liebe ich „Sex and the city“. Legendär ist die Szene des ersten Kinofilms,  in der Carry zusammen mit ihren Freundinnen eine „Ausmist-Party“ ihres begehbaren Kleiderschrankes feiert, um mit etwas weniger Gepäck in die neue Wohnung mit Mr. Big zu ziehen. Zugegeben: mein Mr. Big und ich haben schon seit zehn Jahren einen gemeinsamen Haushalt, aber durch unseren Umzug nach Deutschland stehe auch ich bei einer bestimmten Sache vor der Frage: Take or toss? Nämlich bei meiner Perücke aus der Zeit der Chemotherapie…

Bei unserem ersten Versuch, den Keller zu entrümpeln, hielt mein Mann sie mir auf einmal vor die Nase. Ich wusste zwar, dass sie noch irgendwo sein musste, jedoch trafen mich beim Anblick doch recht unerwartet viele Emotionen und Erinnerungen. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich die Plastiktüte mit den unechten Haaren, der Spezialbürste und dem Shampoo in die Kiste zum Entsorgen oder in den Umzugskarton packen sollte. Auch mein Mann konnte mir die Entscheidung nicht abnehmen und so fing ich an, dieses Thema mit meinem Umfeld zu diskutieren.

Und auch wenn ich heute leider nicht mit Champagner und Partymusik dienen kann, so würde ich mich freuen, wenn der eine oder andere Leser an der Umfrage teilnimmt und mir Inspiration und Gedanken für meine Entscheidung mitteilt.

Ich bin gespannt. Cheers!!!

Die Zeichen stehen auf Abschied

Eigentlich hatte er bereits im Sommer begonnen: der leise Abschied von meinem Leben – so wie ich es kannte seit meiner Brustkrebsdiagnose. Ich war mit meiner Familie im Urlaub und auf dem Weg zu unserem Hochzeitsleuchtturm in Westerhever. Dorthin, wo es begann: das Leben nach dem Brustkrebs. Eigentlich sollte es nur ein netter Urlaubsausflug zum Leuchtturm werden. In einigen Tagen hätten mein Mann und ich unseren fünften Hochzeitstag. Mit Sohn und Oma machten wir uns also auf den Weg über den Deich. Fest entschlossen, nach zweieinhalb Kilometern lockeren Fussmarsches durch das Deichvorland wieder unserem alten Vertrauten, dem Leuchtturm Westerhever, Hallo zu sagen.

Red & Welly, meine roten Gummistiefel, hatte ich ganz bewusst zu Hause gelassen. Regen war nicht angesagt und die Sonne blitzte so manches Mal durch die löchrige Wolkendecke. Für den Fussmarsch hatte ich meine ebenso roten, aber sehr viel luftigeren Sneakers angezogen. So konnte ich leichten Schrittes durch die Deichwiesen schlendern, dachte ich.

Doch der Marsch zum Leuchtfeuer wurde nicht so unbeschwert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Weiterlesen

Und zum Abschied sag ich leise…

Liebe Freundin

Fast auf den Tag genau 30 Jahre ist es nun her, seitdem du dich von dieser Welt verabschiedet hast. Der Tag war genauso sonnig, wie der Heutige. Die Luft war angenehm warm, die Bäume und Sträucher hatten bereits ausgeschlagen. Keine Wolke konnte den azurblauen Himmel trüben. Wie viele andere Tage meiner Kindheit, war es zuerst ein guter Tag für mich. Doch ein Blick über den Gartenzaun sollte auf einmal alles ändern. Es war der Tag, an dem der Krebs dir das Leben nahm und so auch in mein Leben trat. Weiterlesen

RespekTIERE meine Grenzen

RespekTIERE deine Grenzen. Selten war dieses Thema so präsent in meinem Leben, wie heute. Innerhalb und ausserhalb meines Körpers. Innerhalb und ausserhalb unserer Gesellschaft. Die Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen, müssen viele von ihnen überwinden. Viele schaffen es, doch viel zu viele scheitern. Innerhalb oder ausserhalb des europäischen Körpers.

Irgendwie denke ich, dass ein stabiles und funktionierendes Europa – so wie ich es mir wünschen würde –  sehr viel von einem gesunden menschlichen Körper lernen kann.

Alle Organe entstammen aus der gleichen Ursprungszelle; haben sich aber im Verlauf der Zeit so weiterentwickelt, dass sie ihre ganz eigene Kultur gebildet haben. Jedes Organ in uns hat seinen individuellen Zweck, kann aber auch nicht ohne das Gesamtkonstrukt „Körper“ überleben. In einem gesunden Körper respektieren alle Zellen ihre eigenen Organgrenzen und ermöglichen uns durch ein sehr komplexes Zusammenspiel von Herzschlag, Blut- und Sauerstofftransport, dass wir überhaupt leben können. Die „Menschen“ in uns – namentlich Blut, Sauerstoff und viele andere Nährstoffe –  geniessen auch in unserem Körper eine unbeschränkte „Personenfreizügigkeit“. Der menschliche Organismus ist in sich ein Paradebeispiel für ein respektvolles Miteinander und das Respektieren von Grenzen. Weiterlesen

STILL.PAUSE

Es stimmt, was alle neu gebackenen Eltern sagen: dass man kaum mehr zu etwas kommt, wenn Kinder im Haus sind. Ich habe es nie so ganz glauben wollen, aber seit einigen Wochen muss ich mir eingestehen, dass die Uhren des neuen Lebens in meinem Leben eine neue Zeitrechnung eingeläutet haben.

War ich doch bis vor Kurzem (und besonders seit meiner Krebserkrankung) darauf bedacht, in erster Linie meine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, so geht es nun zu allererst darum, die Grundbedürfnisse des neuen kleinen Menschen in unserer Mitte zu erfüllen. Essen, in die Windeln machen, beobachten, lernen und in den Schlaf finden. Es scheint so einfach – das Leben – und doch stellt es unseres grad total auf den Kopf. Weil wir uns erst einmal auf einen gemeinsamen Rhythmus einpendeln müssen. Das neue Leben und ich. Weiterlesen

Leben ist, wenn neues Leben beginnt

Nach meiner abgeschlossenen Brustkrebs-Behandlung war ich auf der Suche. Und ich bin es wahrscheinlich immer noch. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Warum bin ich überhaupt (noch) da? Was will ich sein auf dieser Welt? Welchen Beitrag möchte ich leisten? Macht mein Alltag für mich eigentlich noch Sinn?

Viele Dinge, Verhaltensweisen und Angewohnheiten habe ich über Bord geworfen. Viele Veränderungen haben in mir stattgefunden. Einige Dinge sind geblieben.

Ich kann nicht behaupten, dass ich bereits alle Antworten auf meine Fragen gefunden habe. Das wird wahrscheinlich noch mein ganzes Leben lang andauern. Aber einen Sinn des Lebens durfte ich vor kurzem am eigenen Leib erfahren: Ich bin Mutter. Geworden. Einfach so über Nacht. Noch nicht ganz angekommen in meiner neuen Rolle. Aber so unendlich dankbar dafür.

Es ist da: das neue Leben in meinem Leben. Vieles ist noch ungewohnt. Neu. Noch nicht ganz eingespielt. Aber schon jetzt gibt mir diese neue Aufgabe auf erstaunlich einfache Weise so viele Antworten auf meine Frage, was das Leben auf dieser Welt ausmacht. Weiterlesen

Hey

Wer kennt ihn nicht: den Druck, den das eigene Leben manchmal auf einen ausüben kann. Die Erwartungen, dass der eigene Alltag doch bitte immer vorherplanbar und kalkulierbar bleibt. Die Hoffnung, dass man das eigene Leben immer unter Kontrolle hat. Manchmal ist es der Druck vom sozialen Umfeld, von der Gesellschaft, dem wir uns nicht entziehen können. Doch der eigentlich Feind liegt doch im eigenen Bett: die eigenen Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche, die wir uns selbst auferlegen.

Als mein Leben mit der Brustkrebs-Diagnose aus den Fugen geraten ist, hatte ich oft grosse Mühe zu akzeptieren, dass mein Leben fortan nicht mehr so verlaufen würde, wie ich es geplant hatte. Weiterlesen

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

„Ich habe nicht erwartet, dass ich Sie so schnell wiedersehe“, hatte mir meine Frauenärztin gesagt.

„Ich auch nicht“, hatte ich mit Herzklopfen erwidert.

Da sass ich nun. Ungefähr vier Monate nach meiner letzten Kontrolle, bei der glücklicherweise noch alles in Ordnung war.

Wieder ist es der gleiche Behandlungsraum, in dem ich in der Vergangenheit schon mit so vielen Emotionen kämpfen musste. Und auch heute stecken mir die Tränen im Hals. Wieder fährt das gleiche Ultraschallgerät über meinen Körper mit der Absicht, meinen ersten Verdacht eindeutig zu bestätigen. Und auch heute kann ich die Nervosität vor dem Ergebnis nicht verbergen. Wieder versuche ich, den Gesichtsausdruck meiner Ärztin zu deuten. Doch auch heute gelingt es mir nicht. Wieder zeichnet sich auf dem Monitor neben mir ein schwarzes Loch zwischen dem Gewebe ab. Doch heute ist etwas anders. Weiterlesen

Tag des Glücks

Heute ist internationaler Tag des Glücks und die Vereinten Nationen haben dazu aufgerufen, die Musik zu teilen, die einen glücklich macht. Das Lied, bei dem sich meine Mundwinkel immer automatisch nach oben ziehen, meine Füsse und mein ganzer Körper anfangen zu wippen und ich einfach glücklich bin, ist „A sky full of stars“ von Coldplay.

Bittesehr. Für euch. Viel Glück euch allen!

…oh kommet doch all

„Bist du schwanger, oder was?“

Sie sind wieder da, die Fragen und Bemerkungen. Ich habe sie alle gehört in den letzten anderthalb Jahren. In 2013 und 2014. Und auch in 2015 werde ich mich vor Spekulationen und merkwürdigen Blick nicht retten können. In allen möglichen und unmöglichen Situationen. In allen Formen und Varianten. Teilweise in doppelter oder dreifacher Ausführung. Häufig nur nett und höflich gemeint, manchmal aber einfach nur gedankenlos in den Raum geschmissen. Frohes neues Jahr!

Manchmal frage ich mich, ob man wirklich eine ehrliche Antwort von mir erwartet. Vielleicht ja, vielleicht nein. Eigentlich auch egal. Fakt ist, dass mich diese Frage immer wieder in meinem Innersten trifft. Weiterlesen

Ihr Kinderlein kommet…

Es ist wirklich kein leichtes Thema: die Kinderfrage bei Frauen in den 30ern. Mit oder ohne Krebsvorgeschichte. Die Frage nach dem Kinderwunsch bietet – im falschen Moment gestellt – immer wieder Zündstoff zwischen Partnern, Freunden und in Familien. Kommt dann noch der Krebs Anfang 30 dazu, ist das Chaos perfekt.

Das Gefühl vor drei Jahren ist mir heute noch genauso präsent, wie damals.

„Es ist wirklich Brustkrebs.“

Dieser Satz meiner Frauenärztin sorgte in einem einzigen kurzen Moment dafür, dass mir mit einem Knall all meine Familien- und Kinderpläne wie feinster Saharastaub durch meine Finger rieselten. Weiterlesen

Raum in mir

Irgendwie habe ich es verloren und bis jetzt noch nicht wiedergefunden – das Vertrauen in meinen Körper. Dieses sichere Gefühl, dass er alle Strapazen aushält, die ich ihm zufüge. Mein Körper wird es schon richten, dachte ich mir immer in meinem jugendlichen Leichtsinn. Das Zuwenig an Schlaf, das Zuviel an Stress und Arbeit, das Zuwenig an Ausgeglichenheit in meinem Leben. Mein Körper ist ja belastbar. Meine Gesundheit war für mich eigentlich selbstverständlich. Warum auch nicht?!

Sie war es nicht – das hat mir der Krebs gezeigt. Was schlussendlich meine Zellen aus dem Gleichgewicht gebracht hat, werde ich nie wissen. Und so sitze ich hier und muss mich wohl einfach mit der Antwort zufrieden geben, dass ich einfach mal Pech hatte. An manchen Tagen macht es mich wahnsinnig – dieses Gefühl von Machtlosigkeit gegen einen potentiellen Rückfall.

Ein Weg, um mit der Krankheit und all den negativen Gedanken fertig zu werden, sind meine wöchentlichen Yoga-Stunden. Weiterlesen

Einfach mal leben

Sie ist wieder da, die Angst. Davor, dass der Krebs zurückkehrt. Davor, dass mich eine andere schlimme Krankheit ereilt. Davor, dass mich etwas Unvorhergesehenes wieder ungefragt aus meinem Leben reisst. Meinen mühevoll zurückeroberten, selbstbestimmten Alltag wieder in tausend Stücke zerschmettert. Weiterlesen