Die Zeichen stehen auf Abschied

Eigentlich hatte er bereits im Sommer begonnen: der leise Abschied von meinem Leben – so wie ich es kannte seit meiner Brustkrebsdiagnose. Ich war mit meiner Familie im Urlaub und auf dem Weg zu unserem Hochzeitsleuchtturm in Westerhever. Dorthin, wo es begann: das Leben nach dem Brustkrebs. Eigentlich sollte es nur ein netter Urlaubsausflug zum Leuchtturm werden. In einigen Tagen hätten mein Mann und ich unseren fünften Hochzeitstag. Mit Sohn und Oma machten wir uns also auf den Weg über den Deich. Fest entschlossen, nach zweieinhalb Kilometern lockeren Fussmarsches durch das Deichvorland wieder unserem alten Vertrauten, dem Leuchtturm Westerhever, Hallo zu sagen.

Red & Welly, meine roten Gummistiefel, hatte ich ganz bewusst zu Hause gelassen. Regen war nicht angesagt und die Sonne blitzte so manches Mal durch die löchrige Wolkendecke. Für den Fussmarsch hatte ich meine ebenso roten, aber sehr viel luftigeren Sneakers angezogen. So konnte ich leichten Schrittes durch die Deichwiesen schlendern, dachte ich.

Doch der Marsch zum Leuchtfeuer wurde nicht so unbeschwert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mit jedem Schritt Richtung Horizont kam ein Stück Erinnerung zurück: an jenen Hochzeitstag, der gleichzeitig ein Anfang und ein Ende war. An jene Zeit, die neben einem Gefühl des Neuanfangs auch viel Schmerz, Erschöpfung und Ratlosigkeit mit sich brachte.

Abschied2Und als ich noch so in Erinnerungen schwelgte, war es auf einmal da – das Wasser. Mitten auf dem Weg zwischen den Salzwiesen. Es war nur knöchelhoch und doch hatte ich von links nach rechts keine Chance, die andere Seite des Rinnsals in fünf Meter Entfernung trockenen Fusses zu erreichen. Da stand ich nun ohne meine roten Gummistiefel und hatte nur eine Möglichkeit: die roten Sneakers auszuziehen und barfuss durch die Überschwemmung zu waten, die wahrscheinlich die letzte Flut mit sich gebracht hatte. Mein Sohn tat es mir gleich und hatte eine riesige Freude daran, wenn „Schaf-Kacki“ an unseren Füssen vorbeischwamm. Den Leuchtturm hatten wir dabei immer im Blick.

Als wir uns auf den Rückweg machten, wurde mir bewusst, dass ich mein Leben mit der Brustkrebserfahrung nun irgendwie hinter mir gelassen hatte – ja, hinter mir lassen wollte. Beim Blick zurück zum Leuchtturm flogen noch einmal die letzten fünf Jahre seit meiner Krebsdiagnose an mir vorbei. Viel Kraft hat es gekostet, dieses neue Leben „Danach“ aufzubauen. Doch der Blick nach vorne auf meine Familie, die vor mir lief, zeigte mir, in welche Richtung ich weiter gehen sollte.

Drum haben wir den Mut gefunden, nach zehn Jahren Leben in der Schweiz wieder nach Deutschland zu gehen. Dorthin, wo die Familie etwas näher ist. Dorthin, wo sich unsere Herzen hoffentlich bald wieder zu Hause fühlen werden. Der Rückzug nach Deutschland bedeutet für mich aber auch, den Krebs und all die Krankheitserfahrungen noch weiter hinter mir zu lassen. Und auch wenn es sich vielleicht verrückt anhört, so empfinde ich dabei auch etwas Angst. Denn es bedeutet ebenso, meinen bekannten Ärzten, meinen Helfern, dem mir bekannten Gesundheitssystem „Adé“ zu sagen. Lange habe ich diesen Schritt nicht gewagt, aus Angst, dass mich ein anderer Arzt bei einem Rückfall ja ohnehin nur falsch behandeln könne. Gemäss dem Motto: Never change a winning Team!

Doch nun wage ich es und nehme Stück für Stück Abschied von dem mir bekannten Alltag. Ein Stück Abschied von meinem Leben mit der Krebserfahrung, das ich leider zu 100 Prozent mit meinem Leben in der Schweiz verbinde.

„Geplant sehen wir uns ja nun nicht mehr. Ich wünsche Ihnen alles Gute in der Heimat“, sagte mir meine Frauenärztin recht nüchtern bei meiner letzten Kontrolle. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, welche Bilder mir zeitgleich im Kopf umher schwirrten. All jene Erinnerungen an die Diagnose, die ich in ihrer Praxis erhalten hatte! All die Glücksgefühle, die ich hatte, als ich meinen Sohn das erste Mal auf ihrem Ultraschall entdeckte! Ich konnte die Tränen nicht aufhalten, als ich ihre Praxis verliess.

„Das freut mich für Sie. Es ist ein guter Zeitpunkt – auch für die Krankheit“, hatte mich meine Ärztin im Brustzentrum bestärkt.

„Ich glaube, das Thema können Sie langsam wirklich zu den Akten legen“, meinte mein Onkologe, als ich vor einigen Wochen hinter meinem permanentem Reizhusten eine Lungenmetastase vermutete. Zu Unrecht, wie sich herausstellte.

Sollte es also wirklich so einfach sein? Einfach ein anderes Land, eine andere Umgebung und dann wäre alles vergessen? Fakt ist, dass ich mir auch in Deutschland wieder spezialisierte Ärzte für meine Brust suchen werde. Die in regelmässigen Abständen notwendige Bestätigung, dass immer noch alles in Ordnung ist, brauche ich auch weiterhin. Aber vielleicht versetzt er mich wirklich in eine andere Perspektive, der Tapetenwechsel. Ich bin gespannt!

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