Gegen die Zeit

Lebst du mit oder gegen die Zeit?

Diese Frage ging mir in letzter Zeit häufig durch den Kopf. Der Faktor ZEIT! Er ist ein Dauerbrennerthema in einem Leben nach dem Brustkrebs. Lebe ich jeden Tag so, als wäre er mein Letzter? Oder gehe ich ins Vertrauen und gehe davon aus, dass ich noch ganz viel Zeit habe, um mein Leben zu leben? Um den Anstoß für diesen Beitrag zu verstehen, muss ich euch noch einmal mit in unseren letzten Familienurlaub nehmen. In den schönen Schwarzwald…

Wir hatten für einen schönen Tag im Sommer eine Wanderung auf dem Schluchtensteig geplant. 12 Kilometer auf und ab durch wunderschöne Wälder. Vorbei an schroffen Felsformationen, Wasserfällen und Bächen. Mit unserem sechsjährigen Sohn war dieser Weg durchaus eine kleine Tagesherausforderung. Doch mein wanderbegeisterter Mann, der auch die Route geplant hatte, war wie immer optimistisch.

„Ach, das schaffen wir schon. Notfalls nehme ich ihn auf die Schultern.“

Doch das war nicht die einzige Herausforderung. Denn um den letzten Shuttlebus zu erreichen, der uns am Abend wieder die gesamte Strecke zurück zum Auto bringen sollte, mussten wir die Zeit im Blick behalten und durften nicht allzusehr trödeln. Und so ging es nach einer kurzen Stärkung am Wanderparkplatz los. Schritt für Schritt Richtung Schattenmühle. Unseren Sohn bei Wanderlaune zu halten, war mal mehr, mal weniger erfolgreich. Aber er hielt sich – ausgestattet mit einem eigenem Proviantrucksack und Wanderstock – wacker. Bei jedem neuen Wegweiser, der in der Ferne auftauchte, wurde die Freude auf das Ziel größer und die Illusion auf einen gemütlichen Wandertag kleiner. Immer noch 10 Kilometer. Noch 8,8. Noch 7. Immer noch die Häfte.

Es kam, wie es wohl kommen musste. Beim Blick auf die Uhr und unseren Kilometerstand wurde ich irgendwann nervös. Wenn wir weiter so gemütlich schlendern und jeden Stein umdrehen würden, wäre der Shuttlebus am Ende der Strecke weg. Unser Sohn durchlief sein fünftes Energieloch und wurde Schritt für Schritt langsamer.

„Wenn wir den letzten Bus noch erreichen wollen, müssen einen Zahn zulegen“, sagte ich mit Blick auf die Uhr.

„Ich kann aber nicht mehr“, nörgelte er. „Kann ich auf die Schultern?“

„Na, okay, aber die ganze Zeit kann ich dich nicht tragen“, antwortete mein Mann und schulterte zusätzlich zu seinem Rucksack noch geschätzte 25kg müdes Kind. Wir beschleunigten unseren Schritt bis hart unter die Grenze Dauerlauf, um so einige Kilometer Richtung Ziel zu schaffen. Je mehr ich versuche, mit meinem Mann Schritt zu halten, desto weniger kam mir dieser Tag wie Urlaub vor. Da ich mich bei jedem Schritt darauf konzentrieren musste, nicht über eine Baumwurzel zu stolpern und ich ohnehin keine Zeit mehr dazu hatte, die wunderschöne Natur links und recht zu genießen, erinnerte mich dieser gestresste Lauf doch sehr an meinen Arbeitsweg, wenn ich wieder einmal zu spät von zu Hause losgefahren war, um die S-Bahn noch pünktlich zu erreichen.

„Ich hasse es, gegen die Zeit zu laufen“, platzte es irgendwann wütend aus mir heraus.

„Jetzt entspann dich doch mal und genieß einfach den Weg. Wir beschleunigen jetzt einfach mal für ein paar Minuten und dann kommen wir schon noch rechtzeitig“, antwortete mein Mann. Ich schwieg und wusste gleich, dass er recht hatte. Wir würden die Zeit im Blick behalten und den Bus noch rechtzeitig erreichen. Und so war es natürlich auch. Und am Ende reichte die Zeit sogar noch für einen Eisbecher…

Doch meine eigenen Worte hatten mich nachdenklich gemacht. Lag das Problem gar nicht an der Zeit ansich, sondern wie ich damit umging? Leise Zweifel stiegen in mir auf, ob ich bei all den Versuchen, auf eine lange Lebenszeit zu hoffen, in Wahrheit doch immer noch gegen die Zeit lebte. Denn der Blick auf die eigene Endlichkeit, die der Krebs als lebenslanges Geschenk dagelassen hatte, löst nach wie vor einen gewissen Zeitdruck in mir aus.

Wer weiß, wie lange ich noch gesund durchs Leben laufen und mir ungestört meine Träume erfüllen kann.

Wäre ich mit meinen Leben zufrieden, wenn heute meine letzten 24 Stunden des Lebens beginnen würden?

Welche Wünsche haben noch Zeit? Und welche nicht?

Bei all diesen großen Fragen meines Lebens kam mir auf dem Schluchtensteig tief im Schwarzwald ein Gedanke! Ich konnte mich bei all der Hetzerei weiterehin darüber ärgern, dass wir es nicht geschafft hatten, früher am Tag zur Wanderung aufzubrechen, oder mich einfach über den Weg im Hier und Jetzt freuen. Und so entschied ich mich in diesem Moment für radikale Achtsamkeit. Ich nahm meine Atmung und meinen schnellen Herzschlag wahr. Ich konzentrierte mich auf die Geräusche um mich herum. Auf das Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Baches, der neben uns seine Bahnen suchte. Vorbei an Steinen und Felsen. Ich nahm den frischen Duft der Gräser und Bäume um mich herum wahr und achtete darauf, wie sich die Baumwurzeln unter meinen Füßen in den Wanderschuhen anfühlten. Und auf einmal bemerkte ich den Unterschied. Der Weg war der Gleiche. Die Geschwindigkeit ebenfalls. Doch meine Aufmerksamkeit lag auf etwas anderem: auf diesem einen Moment. Auf all den Erfahrungen um mich herum, die mein Leben in diesem Augenblick ausmachten.

Schon seit vielen Jahren praktiziere ich Achtsamkeit in Form von Mediationen. Doch allzu häufig geht mir diese Weisheit in der Hektik des Alltags verloren. Die Erkenntnis, dass wir nur diesen jetzigen Moment haben, in dem unser Leben stattfindet. Und wenn ich mich daran wieder erinnere, muss ich mich fragen:

Wie oft habe ich mein Leben bereits verpasst?

Verpasst dadurch, dass ich mich über Dinge aus der Vergangenheit geärgert habe?

Verpasst, weil ich mir Sorgen über die Zukunft gemacht habe, die nie so eingetreten ist, wie ich sie befürchtet habe?

Verpasst, weil ich meinen Arbeitsweg damit verdeudet habe zu überlegen, dass ich eigentlich keine Lust habe, ins Büro zu fahren?

Verpasst, weil meine Aufmerksamkeit an Klicks und Likes in den sozialen Medien klebte?

Verpasst, wenn ich mir Sorgen um die nächste Mammografie gemacht habe. Und die Angst mich umgetrieben hat, dass der Krebs zurückkehren könnten?

Natürlich sind alle Sorgen, Ängste und Zweifel menschlich und haben ihre Daseinsberechtigung. Doch am Ende komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass der Ausweg dieses Gedankenkarussels im Erleben des jetzigen Moments liegt. Das ist mein guter Vorsatz für das neue Jahr. Immer wieder innezuhalten und mich zu erinnern:

Zeit ist relativ und Leben ist JETZT!

Wie ist es bei dir? Lebst du mit oder gegen die Zeit?

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