Ich schenke euch: ZEIT

Wenn mir eines seit meiner Brustkrebserkrankung klar geworden ist, dann ist es wohl die Kostbarkeit von Zeit. Zeit, die man mit der Familie, Freunden und anderen lieben Menschen verbringen kann; Zeit, die auf einmal unendlich scheint, wenn man früh morgens im Regen auf den Bus wartet, der einen zur Arbeit bringen soll. Zeit, die von Jahr zu Jahr immer schneller zu vergehen scheint; Zeit, die so wertvoll ist, wenn man die Möglichkeit besitzt, sie einfach mal zu verschwenden. Wie relativ werden alle Kostbarkeiten und Besitztümer, wenn man erfahren muss, dass die eigene Zeit auf dieser Erde vielleicht bald dem Ende zugeht.

Umso dankbarer bin euch, meine lieben Leser, wenn ihr zwischen all euren alltäglichen Verpflichtungen auch noch die Zeit findet, bei meinem Blog vorbeizuschauen. Weiterlesen

ICH BIN DA UND LEBE

„Glaubst du nicht auch, dass der Brustkrebs bei dir nur ein Ausrutscher gewesen ist?“, hatte mich mein Mann vor einigen Tagen gefragt.

„Keine Ahnung. Ich wünsche es mir“, hatte ich geantwortet.

Wunsch oder Wirklichkeit. Heute ist es egal. Denn ich habe etwas zu feiern. HEUTE. An diesem unerwartet sonnigen 22. Novembertag. ICH BIN DA UND LEBE! Auf den Tag genau 5 Jahre nach meiner Brustkrebs-Diagnose. Five-Years-Progression-Free-Survival wird es im onkologischen Fachjargon genannt. Das ist der Grund, warum ich heute mit meinem Sohn 5 blaue Luftballons aufgeblasen habe. Das ist der Grund, warum ich heute leise mit meinem Mann mit Champagner anstossen werde. ICH BIN DA UND LEBE. Punkt.

Vor einigen Jahren hätte ich damit als vom Brustkrebs geheilt gegolten. Mittlerweile haben die Mediziner diese Prognose bei Brustkrebs auf 10 Jahre krebsfreies Leben erweitert. Egal. ICH BIN DA UND LEBE. Weiterlesen

RespekTIERE deine Grenzen

Grenzen1Eigentlich wollte ich diesen Beitrag schon vor langer Zeit schreiben. Der Aufhänger dazu war ein Schild mit der Aufschrift „RespekTIERE deine Grenzen“, das ich beim Joggen im Wald entdeckt hatte. Eigentlich soll dieses Schild die Besucher des Naturschutzgebietes dazu auffordern, die heimischen Tiere in ihrem Reservat nicht zu stören. Doch irgendwie empfand ich die Worte „RespeTIERE deine Grenzen“ als Aufforderung, einmal über meine eigenen Grenzen nachzudenken.

Eigentlich wollte ich darüber schreiben, wie der Krebs mir so drastisch vor Augen geführt hat, dass ich meine körperlichen Grenzen irgendwie überschritten hatte. Eigentlich sollte es in diesem Beitrag darum gehen, dass ich mich seit meiner Krebserkrankung stets innerhalb meiner eigenen Grenzen bewege; aus Angst vor einem Rückfall, sollte ich sie wieder überschreiten. Eigentlich wollte ich darüber berichten, wie stark die Menschen in meinem Umfeld tagtäglich über ihre eigenen Grenzen gehen. Körperlich, geistig und seelisch. Eigentlich sollte es darum gehen, dass es wohl immer mehr zum normalen Alltag gehört, seine eigenen Grenzen nicht mehr wahrzunehmen. Eigentlich wollte ich mich aber auch kritisch hinterfragen, wie langweilig ein Leben werden kann, wenn man seine Grenzen nicht manchmal bewusst herausfordert. Wie gesagt – eigentlich.

Doch dann ist habe ich eines Sonntagmorgens dieses Foto in der NZZ am Sonntag gesehen.

Quelle: NZZ am Sonntag (14. Februar 2016)

Es ist eines der vielen Bilder, die man zurzeit häufig in den Medien zu sehen bekommt. Es ist eines dieser vielen Bilder zur Flüchtlingskrise, die mich schokieren. Es ist eines unter vielen, doch der Blick dieses Mädchens hat mich besonders ins Herz getroffen. Der dazugehörige Beitrag dreht sich um die verlorene Kindheit der Flüchtlingskinder und wirft die Frage auf, wie sich die belastenden und teilweise gewaltvollen Grenzerfahrungen auf die Psyche und Zukunft dieser Kinder auswirken wird. Und in Zeiten, in denen ich versuche, meinem eigenen Kind – so gut es geht – eine heile Welt zu präsentieren, frage ich mich, welchen Einfluss der neue Umgang mit Grenzen in Europa auf unsere Welt von morgen hat. Weiterlesen

Phantom-Metastasen

Sie sind wieder da. Ich spüre sie im ganzen Körper. Sie sind kaum auszuhalten und machen mich wahnsinnig. Die Stiche in meiner Brust. Das Ziehen. Die Verhärtungen. Ich schaffe es kaum, meine Gedanken nicht in die Dunkelheit abdriften zu lassen. Ein Blick in meinen Kalender zeigt mir: sie steht wieder an – die nächste Jahreskontrolle mit Mammografie. Weiterlesen

Zeit für Veränderung

Es hat sich viel verändert in den letzten Jahren seit der Krebsdiagnose. Oder vielleicht sollte ich sagen: es hat sich viel in mir verändert. Und auch wenn ich immer etwas Angst vor Veränderungen habe, so empfinde ich doch den Wandel, den mein Leben durchgemacht hat, zum grossen Teil als sehr bereichernd.

Die Verarbeitung einer Krebserfahrung ist doch noch einmal eine ganz andere Zeit als der Kampf gegen diesen ungeliebten Gegner selbst. Die äusserliche Schlacht wird mehr und mehr zu einer Auseinandersetzung im Inneren. Und die Menschen, die dich vielleicht so vorbehaltlos auf dem offenen Schlachtfeld unterstützt haben, folgen dir nicht automatisch, wenn hinter teils verschlossenen Türen über Sieg und Niederlage verhandelt wird. Weiterlesen

Camping des Alltags

Die Rückkehr war so schwer wie nie. Aus dem Urlaub in den Alltag. Schon am Stockholmer Flughafen fing es an: Menschenmassen, verspäteter Flug und ein Meer aus Smartphones und Tablets soweit das Auge reicht. Ein Kontrastprogramm zur Reduziertheit der letzten Wochen in unserem Camper. Die Überforderung war vorprogrammiert. Doch so leicht wollte ich mich noch nicht geschlagen geben. Weiterlesen

Auf zu neuen Ufern

Beruf oder Berufung. Das war hier die Frage, die ich mir stellte, nachdem mich meine Krankheit in eine vergleichsweise grosse Job-Sinnkrise gestürzt hatte. Da hatte ich die letzten 15 Jahre damit verbracht, meinen beruflichen Weg zu finden. Hatte mich aus- und weitergebildet, hatte studiert, mich bei diversen Praktika ausprobiert und war dann nach einigen Jahren voller Eifer in einen Berufsalltag gestartet. Im vollkommenen Bewusstsein, dass ich den Weg gefunden hatte, den ich gehen wollte. Die Leidenschaft für das, was ich tat, hatte mich in meinem jugendlichen Leichtsinn vielleicht zu oft über die zu hohe Anzahl an nicht kompensierbaren, im Gehalt bereits abgegoltenen Überstunden hinwegsehen lassen. Das für meine reellen Arbeitsstunden viel zu geringe Gehalt war für mich in meiner Bewertung immer zweitrangig gewesen. Schliesslich war es für mich ja viel wichtiger, dass ich meinen Job gerne machte. Und insgesamt konnte ich von meinem Gehalt ja gut leben. Doch die Zeit für eben dieses Leben wurde irgendwie immer weniger.

Dann kam die Krankheit – und mit ihr all die Fragen über Sinn und Unsinn meiner bisherigen Lebenszeit. Weiterlesen