Guter Alltag, böser Alltag

Ich liebe meinen Alltag, ich hasse meinen Alltag. Irgendwie habe ich das Gefühl, man kann es mir manchmal wirklich nicht recht machen. Da habe ich nun so lange dran gearbeitet, um ins Chaos wieder Ordnung zu bringen und nun ist die Ordnung auch wieder nicht in Ordnung?!

Ich erinnere mich noch genau an diesen einen Moment vor einigen Jahren. Ich hatte einige Tage zuvor die Diagnose Brustkrebs erhalten und mich grad vom ersten Schock erholt. Der Therapiebeginn stand kurz bevor und ich hatte mich entschieden, in dieser Zeit meinen Job zu 100 Prozent ruhen zu lassen. Doch vor meiner Fahrt ins Ungewisse hatte ich mich entschieden, noch einige Tage zu arbeiten. Die bekannte Struktur war mir auf einmal wieder sehr willkommen in Zeiten, in denen mir alles ungewiss erschien.

Eigentlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon keine wirkliche Freude mehr an meinem Alltag und irgendwie hatte ich das Gefühl, meinem so jungen Leben nur noch hinterher zu laufen. Es war dieses letzte Gespräch mit meinem damaligen Chef, in dem er mich fragte, ob er irgendetwas für mich tun könne. Ich sagte ihm, dass es mir sehr helfen würden, wenn er mir verspräche, dass arbeits- und kundentechnisch alles so bleiben würde, wie es grade ist, wenn ich nach meiner Therapie zurückkomme.

Er tat es. Ohne wenn und aber. Aus heutiger Sicht kann ich ihm dieses Versprechen, das er eigentlich gar nicht geben konnte, nicht hoch genug anrechnen. Denn es gab mir ein sehr sicheres Gefühl in unsicheren Zeiten.

Aber natürlich kam alles anders. Und ich hätte knapp ein Jahr später auch nicht am gleichen Punkt weitermachen können. Zuviel hatte sich verändert, zu viele Fragen waren noch nicht beantwortet. Ich hatte eine Broschüre von der Krebsliga erhalten, die „Zurück in den Alltag“ heisst. Ein Alltag kam nach der Therapie recht schnell zurück, doch es war nicht mehr meiner und ich musste irgendwie weiterziehen. Es hat mich etwas Verwirrung und einige dieser Blogtexte gekostet, um meinem Leben eine neue Struktur und Ziele zu geben. Wenn ich mein Leben im Gesamten betrachte, so kann ich definitiv sagen, dass es ein anderes ist als vor der Krebsdiagnose. Und ganz objektiv gesehen würde ich behaupten, dass ich ein gutes Leben führe. Ein Alltag ist wieder in mein Leben eingezogen, das scheint beruhigend. Er gibt mir Stabilität und Halt. Nach der Sturmfront über der Nordsee schippere ich nun wieder in ruhiger See mit einer leichten Brise. Alles paletti – oder etwa nicht?

Seit einiger Zeit ertappe ich mich immer wieder bei einem irgendwie unzufriedenen Gefühl. Der Alltag ist zurück und mit ihm eine neue Struktur und gewisse Starrheit. Dabei sind es gar nicht die einzelnen Komponenten meines Alltages, die mich stören. Es ist eher der Alltag an sich – die mit der Ordnung einhergehende Eintönigkeit – die mir manchmal den Atem nimmt. Es sind die Erwartungen, wie das Leben nun wieder zu laufen hat. Von aussen – und was noch viel schlimmer ist – von innen. Zaghaft wage ich es wieder, leise Pläne zu machen und kann mich gleichzeitig immer seltener davon lösen zu denken mein Leben planen zu müssen. Dabei hat der Krebs mich doch eines besseren belehrt – nämlich das man das Leben nicht planen kann. Einfach nur leben eben.

Grade das fällt mir hier so leicht, in Skandinavien, vor unserem Camper, mit Blick auf den See. Eine gefühlte Ewigkeit habe ich auf diesen Urlaub gewartet und das Warten hat sich definitiv gelohnt. Hier kann ich das Leben einfach nur leben und all die schönen Momente, die diese Zeit mir bietet, geniessen. Jeden roten Sonnenuntergang, jeden Kilometer der Strasse, jeden Regenschauer, den ich im Camper vorbeiziehen lasse und jede Wanderung durch den Wald. „Einfach mal leben“ ist hier Programm. Die Angst vor dem Krebs ist irgendwo bei Kilometer 160 ausgestiegen und meine Lebenspläne schon längst über Bord geworfen. Denn hier spüre ich das Leben wieder in all seinen Facetten.

Doch da das Leben ja bekanntlich kein Dauerurlaub sein kann, werde ich mich wieder auf die Suche nach dem Leben im Alltag machen. All die lebenswerten kleinen Momente, die jeden Tag irgendwo schlummern und nur entdeckt werden müssen. Und zum grossen Teil freue ich mich ja auch auf die Strukturen, die meinen Alltag bestimmen. Lassen sie mich doch auch immer wieder erkennen, wie besonders solch ein Sonnenuntergang am See ist. Genau jetzt, in diesem Moment.

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