Gemeinsam… etwas weniger einsam

Es ist ein Gefühl, das wahrscheinlich jeder Mann und jede Frau kennt, die den Krebs überlebt haben: das Gefühl von Einsamkeit. Ein Gefühl, das entsteht, wenn die lieben Menschen im eigenen Umfeld einfach weitermachen mit dem „normalen“ Leben. Weil sie es können. Weil der Krebs nicht ihr Leben bedroht hat, sondern nur das eigene.

Die Erkenntnis, dass der Brustkrebs mich ein Stück weit von meinen engsten Vertrauten getrennt hatte, kam eigentlich erst, als die aktive Erkrankung, die Therapien und Arzttermine vorbei waren. Als meine Gedanken begannen, um Leben und Tod zu kreisen, hatte ich das Gefühl, dass alle die „Gesunden“ um mich herum einfach nicht mehr mitreden konnten. Vielleicht war aber auch ich diejenige, die es ihnen nicht mehr zugestehen wollte. Zu gross war die Wut und die Trauer darüber, dass der Krebs einen grossen Scherbenhaufen aus meinem Leben gemacht und alles infrage gestellt hatte.

Doch ich hatte auch sehr grosses Glück in dieser Zeit, denn ich habe sie gefunden: meine Vertrauten im Geiste, meine Ladies, die das gleiche Schicksal hinter sich hatten und mir das Gefühl gaben, dass ich mit ihnen gemeinsam etwas weniger einsam mit meinem Brustkrebs-Schicksal war. Weiterlesen

Bist du glücklich?

Auch wenn der Krebs und die ständigen Nachkontrollen momentan sehr stark meinen Alltag prägen, so ist es doch mal wieder an der Zeit, über das Glück in meinem Leben nachzudenken. Dieser Gedanke ist mir vor ein paar Abenden auf dem heimischen Sofa gekommen, als ich mit meinem Mann den Film „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ geschaut habe. Die Zeilen, die ein Professor der Glücksforschung an seine Studenten gerichtet hat, haben auch mich zum Nachdenken gebracht:

„Wer von uns, frage ich mich, erinnert sich noch an seine Kindheit, wo man Glück als einen zum Leben gehörenden Zustand empfunden hat. Erinnert sich an die Momente, wo alles reine Freude war. Der Moment, wo einfach alles in unserer Welt – in uns und um uns – nur gut war. Es war einfach alles richtig. Und jetzt haben wir den Salat, wir sind erwachsen und alles ist nur noch falsch.“ Weiterlesen

Alles hat ein Ende, nur der Krebs hat keins

„Vielleicht ist es ab nun deine Aufgabe, dein Leben nicht immer bei jedem kleinstem Verdacht entgleisen zu lassen.“

Diesen scheinbar simplen, aber manchmal schwierig umzusetzenden Ratschlag hatte mir meine Freundin bei unserem letzten Telefonat gegeben. Zuvor hatte ich ihr erzählt, dass ich wieder einmal etwas genauer abklären lassen muss. Dieses Mal in der linken Brust. Ort des Geschehens vergangener Krebsszenarien. 2017 beginnt doch wirklich genauso, wie 2016 aufgehört hat.

„Eine kleine Unsicherheit von 2 mal 5 mm“, hatte meine Ärztin mir per E-Mail geschrieben. „Winzig, aber kontrollbedürftig.“ Anstatt eine normale Mammografie durchzuführen, hatte sie mich vorab in eine MRI gesteuerte Mammografie geschickt, um einmal die Dynamiken in meinem Gewebe anzuschauen. Und da war sie nun – die kleine, grosse Unsicherheit, die der Radiologe in seinem Bericht erwähnt hatte. Weiterlesen

Leben anstatt Überleben…

…das ist mein guter Vorsatz für 2017. Eigentlich halte ich nicht viel von guten Vorsätzen zur Jahreswende, denn ich bin überzeugt davon, dass mir jeder einzelne Tag die Möglichkeit gibt, etwas zu verändern. Aber in diesem Jahr möchte ich die Chance nutzen, nicht nur hinter 2016 sondern auch hinter meine Brustkrebserfahrung einen Haken zu machen und für 2017 einen wichtigen Vorsatz zu fassen.

Zwei Wochen zuvor…

„Wenn ich mir das jetzt so anschaue, dann würde ich mit der Biopsie mal bis nach Weihnachten warten“, hatte meine Ärztin gesagt. Der Fleck auf meinem Dekolleté hatte sich seit Donnerstag so markant verkleinert, dass das Bedrohliche kaum mehr ein Gesicht hatte. Anstatt dessen ein Kontroll-Ultraschall der Brust und der Lymphknoten. Alles in Ordnung! Soweit man das beurteilen kann. Durchatmen. Erleichterung. Zumindest für einen Moment.

„Ganz hundertprozentig können wir uns natürlich nie sicher sein“, schob sie dann noch hinterher. Weiterlesen

ICH BIN DA UND LEBE

„Glaubst du nicht auch, dass der Brustkrebs bei dir nur ein Ausrutscher gewesen ist?“, hatte mich mein Mann vor einigen Tagen gefragt.

„Keine Ahnung. Ich wünsche es mir“, hatte ich geantwortet.

Wunsch oder Wirklichkeit. Heute ist es egal. Denn ich habe etwas zu feiern. HEUTE. An diesem unerwartet sonnigen 22. Novembertag. ICH BIN DA UND LEBE! Auf den Tag genau 5 Jahre nach meiner Brustkrebs-Diagnose. Five-Years-Progression-Free-Survival wird es im onkologischen Fachjargon genannt. Das ist der Grund, warum ich heute mit meinem Sohn 5 blaue Luftballons aufgeblasen habe. Das ist der Grund, warum ich heute leise mit meinem Mann mit Champagner anstossen werde. ICH BIN DA UND LEBE. Punkt.

Vor einigen Jahren hätte ich damit als vom Brustkrebs geheilt gegolten. Mittlerweile haben die Mediziner diese Prognose bei Brustkrebs auf 10 Jahre krebsfreies Leben erweitert. Egal. ICH BIN DA UND LEBE. Weiterlesen

Allen Balast über Bord

Ich kann nicht behaupten, dass Staubsaugen zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. Die Verpflichtung, die Spuren des Alltags nicht zu dreckig werden zu lassen, ist aus meiner Sicht ein total unnötiges „Muss“! Und doch hat es etwas Meditatives.

Während ich den Staubsauger also rhythmisch über unseren vernachlässigten Boden schiebe, frage ich mich unweigerlich, wie viel Alltagsbalast sich wieder in meine Leben angehäuft hat und mir Zeit für wirklich wichtige Dinge raubt. Weiterlesen

Angst vor dem Leben

„Hast du Angst vor dem Tod?“

„Nein. Ich hab Angst vor dem Leben!“

Das ist die bittere Erkenntnis, die mich überkommt. Hier. In der Jugendherberge. Mitten in der Nacht, die schlaflos ist, weil mein Sohn neben mir im Bett seinen eigenen Stepptanz-Auftritt im Schlaf probt. Am Nachmittag hatte ich fast fluchtartig unsere Wohnung verlassen. Nein, eigentlich wurde ich von meinem Mann fast dazu gedrängt, mich auf den Weg zu machen. Mit Kind und Auto zu meiner Mutter, die 800 km von uns entfernt wohnt. Die mich angefleht hatte, lieber den Zug zu nehmen. Was da nicht alles passieren könne, auf 800 km Autobahn und bei angesagtem Sauwetter. Und dann noch mit dem kleinen Mann im Gepäck.

Ich habe es doch – oder vielleicht gerade deswegen – gemacht und fühle mich befreit. Mit jedem Kilometer, den ich von meinem Alltag weg bin, ein bisschen mehr. Geh ich ein zu hohes Risiko ein? Schliesslich ist für morgen noch Eisregen angesagt. Bin ich vielleicht sogar verantwortungslos als Mutter?

Und nun: Zwischenstopp Jugendherberge, die mein Mann am Mittag kurzerhand für mich und unseren Sohn gebucht hatte. Ein Familienzimmer mit eigenem Bad. Fast niemand ist hier so kurz nach der Jahreswende. Fünfzehn Personen in einer Herberge mit 250 Betten. In der Dunkelheit der Januarnacht frage ich mich, woher es wohl kommt. Dieses lähmende Gefühl der Angst, das ich seit einiger Zeit verspüre. Weiterlesen

STILL.PAUSE

Es stimmt, was alle neu gebackenen Eltern sagen: dass man kaum mehr zu etwas kommt, wenn Kinder im Haus sind. Ich habe es nie so ganz glauben wollen, aber seit einigen Wochen muss ich mir eingestehen, dass die Uhren des neuen Lebens in meinem Leben eine neue Zeitrechnung eingeläutet haben.

War ich doch bis vor Kurzem (und besonders seit meiner Krebserkrankung) darauf bedacht, in erster Linie meine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, so geht es nun zu allererst darum, die Grundbedürfnisse des neuen kleinen Menschen in unserer Mitte zu erfüllen. Essen, in die Windeln machen, beobachten, lernen und in den Schlaf finden. Es scheint so einfach – das Leben – und doch stellt es unseres grad total auf den Kopf. Weil wir uns erst einmal auf einen gemeinsamen Rhythmus einpendeln müssen. Das neue Leben und ich. Weiterlesen

Die Kraft der Gedanken

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“
(Buddhistische Weisheit)

Über diesen Beitrag musste ich mir etwas länger Gedanken machen. Gedanken über meine eigenen Gedanken. Und über das, was sie in meinem Leben auslösen.

Wenn man, so wie ich, auch nach dutzenden Tests und genetischen Abklärungen keinen offensichtlichen medizinischen Grund oder eine Erklärung für seine Krebserkrankung erhalten hat, macht man sich automatisch selber auf die Suche nach möglichen kausalen Zusammenhängen. Nicht unbedingt offensichtlich, denn ich bin mir vollkommen bewusst, dass ich nie eine Antwort auf meine „Warum-Frage“ erhalten werde. Aber trotzdem kreisen meine Gedanken das eine oder andere Mal doch immer wieder genau um diese Frage. Glück oder eben Pech – nein – dieser Grund genügt mir einfach nicht, um den überstandenen Brustkrebs abzuhaken. Es ist zu wenig, um die Angst vor einem Rückfall im Zaum zu halten. Zu wenig, um sicher sein zu können, dass ich meine Gesundheit wieder ein Stück weit in der Hand habe. Irgendetwas muss es doch geben, was ich vorher falsch gemacht habe und hinterher besser machen kann. Oder nicht?

Als ich auf das Zitat der Gedanken gestossen bin, habe ich mich gefragt, ob sie ein Stück zu meinem Schicksal beigetragen haben könnten. Denn schon vor meiner Krebsdiagnose hatte ich zunehmend angstvolle Gedanken, dass mich die Krankheit treffen würde. Weiterlesen

Camping des Alltags

Die Rückkehr war so schwer wie nie. Aus dem Urlaub in den Alltag. Schon am Stockholmer Flughafen fing es an: Menschenmassen, verspäteter Flug und ein Meer aus Smartphones und Tablets soweit das Auge reicht. Ein Kontrastprogramm zur Reduziertheit der letzten Wochen in unserem Camper. Die Überforderung war vorprogrammiert. Doch so leicht wollte ich mich noch nicht geschlagen geben. Weiterlesen

Happy Birthday to…

Zwei Jahre ist es nun her, dass ich meine Therapie mit der letzten Bestrahlung beendet habe. Fast auf den Tag genau. Als gesund entlassen. Die Hochrisiko-Rückfallzeit – wie meine Ärztin es nannte – habe ich nun auch ohne Rezidiv überstanden. HAPPY BIRTHDAY, meine liebe Gesundheit. So gross bist du schon geworden. Es war schon ein ganzes Stück Arbeit, dich einigermassen behütet ins Kleinkindalter zu bringen, aber ich muss sagen, es hat sich definitiv gelohnt. Weiterlesen

Raum in mir

Irgendwie habe ich es verloren und bis jetzt noch nicht wiedergefunden – das Vertrauen in meinen Körper. Dieses sichere Gefühl, dass er alle Strapazen aushält, die ich ihm zufüge. Mein Körper wird es schon richten, dachte ich mir immer in meinem jugendlichen Leichtsinn. Das Zuwenig an Schlaf, das Zuviel an Stress und Arbeit, das Zuwenig an Ausgeglichenheit in meinem Leben. Mein Körper ist ja belastbar. Meine Gesundheit war für mich eigentlich selbstverständlich. Warum auch nicht?!

Sie war es nicht – das hat mir der Krebs gezeigt. Was schlussendlich meine Zellen aus dem Gleichgewicht gebracht hat, werde ich nie wissen. Und so sitze ich hier und muss mich wohl einfach mit der Antwort zufrieden geben, dass ich einfach mal Pech hatte. An manchen Tagen macht es mich wahnsinnig – dieses Gefühl von Machtlosigkeit gegen einen potentiellen Rückfall.

Ein Weg, um mit der Krankheit und all den negativen Gedanken fertig zu werden, sind meine wöchentlichen Yoga-Stunden. Weiterlesen

Einfach mal leben

Sie ist wieder da, die Angst. Davor, dass der Krebs zurückkehrt. Davor, dass mich eine andere schlimme Krankheit ereilt. Davor, dass mich etwas Unvorhergesehenes wieder ungefragt aus meinem Leben reisst. Meinen mühevoll zurückeroberten, selbstbestimmten Alltag wieder in tausend Stücke zerschmettert. Weiterlesen

Die Hoffnung stirbt zuletzt

„Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzer.“

Seit meiner Brustkrebsdiagnose habe ich mein Leben recht konsequent nach diesem Motto ausgerichtet. Und ich muss sagen: es lebt sich recht gut damit. Es ist ein Motto, das wahrscheinlich jeder kennt. Vielleicht nimmt es sich der eine oder andere öfter einmal vor, es umzusetzen, doch häufig verschlingt der Alltagsstress und die fehlende Zeit den entsprechenden Umsetzungswillen. Was du heute kannst besorgen, verschiebe getrost auf morgen.

Die Konfrontation mit meinen potentiell eigenen letzten Tagen, Wochen, oder Monaten, die mit der die mit der K-Diagnose schlagartig in mein Bewusstsein getreten ist, hat es mir seitdem sehr erleichtert, mich darauf zu konzentrieren, was mir wichtig ist. Unwichtiges wegzulassen. Das Leben auszumisten. Weiterlesen