Auf ein Wort…

…mit meinem 100-jährigen Ich:

„Guten Morgen, 100-jähriges Ich. Wie schön, dich hier zu sehen.“

„Guten Morgen!“

„Ich kann es kaum glauben! Werde ich wirklich so alt?“

„Wie du siehst… Zumindest in deinen Gedanken. Das ist doch schon einmal ein guter Anfang, würde ich sagen.“

„Da hast du wohl Recht. Die Kraft der Gedanken ist nicht zu unterschätzen…“

„Denkst du denn, dass du einmal 100 Jahre alt wirst? Oder besser gefragt: möchtest du das überhaupt?“

„Hmmm, eine gute Frage. Irgendwie weiß ich das nicht so genau. Ja und nein!“

„Na, dann fangen wir vielleicht doch einmal mit dem ‚Ja‘ an. Warum möchtest du denn 100 Jahre werden?“

„Ich denke, das hat mit meiner Krebsdiagnose Anfang 30 zu tun. Damals dachte ich ‚Nicht jetzt! Es ist definitiv zu früh, um zu sterben.‘ Ich hatte noch so viele Pläne. Da waren noch so viele Dinge, die ich noch nicht erlebt hatte. Ich habe mich in dieser Zeit oft gefragt, welches Alter für mich okay wäre, um gehen zu können…“

„Und? Welches Alter war es?“

„40! Damals dachte ich, eine vier vor der null wäre okay, aber nicht 30! 10 Jahre mehr! Dann hätte ich vielleicht noch die Chance, Mutter zu werden. Ich hätte noch ein bißchen Zeit, um die Welt zu sehen; das Leben in vollen Zügen zu genießen. (Pause).  Jetzt bin ich 39…! Mutter bin ich geworden und die Welt habe ich auch noch ein wenig gesehen.“

„Und? Könntest du jetzt mit gutem Gefühl gehen?“

„Machst du Witze? Vergiss es! In einer Woche werde ich 40 und ich freue mich riesig! Mein 40. Geburtstag. Das ist wie ein kleiner Sieg. Ach, was sag ich: ein Riesengroßer! Eine Zeit lang habe ich nicht zu hoffen gewagt, dass ich so alt werden würde und außerdem auch noch gesund bin.“

„Gratuliere!“

„Vielen Dank! Eigentlich sollte es ein großes Fest werden. Mit Freunden und später noch mit der Familie. Eigentlich war schon alles geplant für das Kirschblütenfest. Doch dann kam Corona…“

„Co- was?“

„Corona. Die Pandemie. Weißt du nicht mehr? 2020?“

„Ach ja, da war ja irgendwas. Alle mussten zu Hause bleiben, oder?“

„Ja, und das heißt auch, dass ich meinen 40. Geburtstag in kleiner Familienrunde feiern werde. Aber das ist schon in Ordnung. Umso mehr werde ich mich selbst und meine Gesundheit feiern.
Aber nichts desto trotz ist die ganze Situation momentan sehr merkwürdig. Man hat das Gefühl, die ganze Welt stehe auf einmal still. Naja, nicht ganz die Welt. Unser menschengebautes System steht still und niemand weiß, wie lange es dauern wird. Geschweige denn, wie diese ganze Pandemie unseren bekannten Alltag verändern wird.“

„Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Dir nicht?“

„Ja. Doch. Irgendwie schon. Bei meiner Krebsdiagnose war es ja auch nicht anders. Auch da ist innerhalb von Bruchteilen meine gesamte Welt stehengeblieben, bevor sie in eine Milliarde Teilchen zersprungen ist. Ein Scherbenhaufen. Anders kann ich das nicht sagen. Der Unterschied war nur, dass damals meine innere Welt betroffen war. Dieses Mal ist es meine äußere Welt.“

„Macht das einen Unterschied?“

„Irgendwie schon. Ich fühle mich dieses Mal nicht so bedroht wie damals. Ich kann dir nicht sagen, warum, aber irgendwie gehe ich dieses Mal mit einem Grundvertrauen durch diese Zeit.“

„Das ist doch wunderbar.“

„Ja, das finde ich auch. Aber eine Sache würde ich trotzdem gerne von dir wissen, liebes 100-jährige Ich. Werde ich an Corona erkranken, oder geht der Kelch dieses Mal an mir vorüber?“

„Ach, du. Das weiß ich nun wirklich nicht mehr. Sorry, mein Gedächtnis ist mit 100 auch nicht mehr so wie mit 40. Aber eines weiß ich noch genau. Auch diese Krise geht vorbei!“

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