Auf zu neuen Ufern

Beruf oder Berufung. Das war hier die Frage, die ich mir stellte, nachdem mich meine Krankheit in eine vergleichsweise grosse Job-Sinnkrise gestürzt hatte. Da hatte ich die letzten 15 Jahre damit verbracht, meinen beruflichen Weg zu finden. Hatte mich aus- und weitergebildet, hatte studiert, mich bei diversen Praktika ausprobiert und war dann nach einigen Jahren voller Eifer in einen Berufsalltag gestartet. Im vollkommenen Bewusstsein, dass ich den Weg gefunden hatte, den ich gehen wollte. Die Leidenschaft für das, was ich tat, hatte mich in meinem jugendlichen Leichtsinn vielleicht zu oft über die zu hohe Anzahl an nicht kompensierbaren, im Gehalt bereits abgegoltenen Überstunden hinwegsehen lassen. Das für meine reellen Arbeitsstunden viel zu geringe Gehalt war für mich in meiner Bewertung immer zweitrangig gewesen. Schliesslich war es für mich ja viel wichtiger, dass ich meinen Job gerne machte. Und insgesamt konnte ich von meinem Gehalt ja gut leben. Doch die Zeit für eben dieses Leben wurde irgendwie immer weniger.

Dann kam die Krankheit – und mit ihr all die Fragen über Sinn und Unsinn meiner bisherigen Lebenszeit. Mein beruflicher Werdegang spielte bald eine zentrale Rolle und es hat nicht lang gedauert, bis mir klar wurde, dass meine Work-Life-Balance erheblich in Schieflage geraten war. Doch nicht nur den Faktor Zeit stellte ich infrage. Vielmehr stellte ich für mich die Sinnhaftigkeit meines Jobs in den Mittelpunkt. Was hatte ich die letzten Jahre eigentlich gemacht? Was von dem würde bleiben? Wem hatte es eigentlich etwas genützt? Oder sollte ich vielleicht lieber aufhören, den Sinn im beruflichen zu suchen, einfach einen Job machen und mich mehr auf das Sinnhafte im Privatleben konzentrieren?

All diese Fragen haben mich stark beschäftig, als ich nach knapp zehn Monaten wieder in einen beruflichen Alltag einstieg. Schnell war mir klar, wie sehr ich mich in den letzten Monaten verändert hatte. So weitermachen wie vorher? Daran war gar nicht zu denken. Schnell kam wieder der Faktor ZEIT ins Spiel. Dieses kleine Wort, das jedoch das kostbarste Gut in unserem Leben ist. Und gleichzeitig wird sie als so selbstverständlich genommen. Besonders in meiner jetzigen Lebensphase, in der die Gedanken um Aufbau von Beruf und eigener Familie und den Platz im Leben kreisen. Die ZEIT! Nie hab ich mir in meinen jungen Jahren Gedanken darum gemacht, dass sie für mich endlich sein wird. Warum auch?! Der Krebs hat mir vor Augen geführt, wie schnell die eigene Lebenszeit in Gefahr sein kann. Und dieser Gedanke begleitet mich seitdem täglich.

Nach der sehr kräftezehrenden Therapie hatte ich erst einmal das Bedürfnis „zu leben“ und nicht zu arbeiten. Ich wollte all die Dinge erleben, für die mir vielleicht nicht mehr genug Zeit bleiben würde. Eine Weltreise wäre schön gewesen, doch bot sie sich bei mir aus unterschiedlichen Gründen nicht an. Und ich bin mir sicher, dass die Fragen nach der Rückkehr die gleichen gewesen wären. Und so machte ich mich auf die Suche, herauszufinden, wie ich den Wunsch nach Leben und meinen notwendingen Beruf miteinander vereinbaren könnte.

Meine alte Stelle war mir trotz langer Abwesenheit erhalten geblieben und ich konnte mich wirklich glücklich schätzen, dass ich sie, soweit es möglich war, in den ersten Monaten nach meiner Rückkehr auf meine Bedürfnisse anpassen konnte. Doch Monate vergingen und ich fühlte mich mehr und mehr unter Druck, wieder zur alten Form zu finden, alten Erwartungen entsprechen zu müssen. Was mir dabei am meisten zu schaffen machte, war mein eigener, hausgemachter Druck. Die Erwartungen an mich selbst, mein Leben schnellstmöglich wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Doch irgendwann kam der Zeitpunkt an dem mir klar wurde, dass ich es nicht mehr schaffen würde, meine alte Rolle wieder einzunehmen. So vieles hatte sich verändert. Einen Weg zurück ins alte Leben würde es nicht mehr geben. Und so ging die Suche weiter.

Der Weg zu möglichen Antworten führte mich anfangs durch trockene Wüste, denn irgendwie wollte sich bei mir so gar keine neue Idee einstellen. Vielleicht sollte ich einfach eine neue Stelle in meiner Branche suchen und schauen, was kommt. Ich hatte meine Karriere ja schliesslich über viele Jahre aufgebaut. Das konnte ich doch nicht so einfach wegwerfen. Oder doch?

Den Stein des Anstosses für neue Impulse brachte mir ein Selbstportrait beim lösungsorientierten Malen, das mich zurückversetzte in die Zeit, in der ich dachte, dass mir alle Türen offen stehen würden. Damals nach der ersten Ausbildung. Eine Zeit, in der ich es mir erlauben durfte, mich nach meinen Interessen und Leidenschaften zu orientieren und weniger nach den besten Gehalts- und Aufstiegschancen. Oder dem, was der perfekte Lebenslauf als nächstes für mich vorsah.

Schnell war ich wieder bei meinem Hobby, der Fotografie gelandet und so gab ich mir die Erlaubnis, in Bezug auf meinen nächsten beruflichen Schritt wieder etwas radikaler zu denken. Eine Selbstständigkeit kreiste ebenso in meinen Gedanken, wie meine Bewerbung als Babyfotografin in Kliniken. Selbst eine Anstellung als Bordfotografin auf einem Kreuzfahrtschiff hätte ich nicht ausgeschlossen, wenn mir mein Alter keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Und so bewarb und orientierte ich mich über ein Jahr. Über mehrere Branchen, Positionen und Unternehmen hinweg.

Am Ende habe ich einen neuen Job im onkologischen Bereich angenommen. Ein Job, den – wie meine engste Freundin mir einmal sagte – ich nicht gesucht, aber der mich gefunden hat. Sie hat vollkommen recht. Denn es ist ein Stelle, von der ich vor meiner Erkrankung noch nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gibt. Eine Aufgabe, die sich heute besonders wegen meiner Krankheit vollkommen richtig anfühlt.

Auch wenn der Weg sehr steinig war und an manchen Tagen einen gefühlten Dornröschenschlaf lang gedauert hat, so war er doch viel wichtiger ihn zu gehen, als das eigentliche Ziel zu erreichen.

„Es war wichtig, die Gedanken ziellos schweifen zu lassen wie die Wolken am Himmel“, schreibt Paulo Coelho in Der fünfte Berg. „So flohen Angst und Beklemmung aus den Herzen aller, und sie fanden wieder Mut und Kraft für den kommenden Tag.“

Ich habe nicht nur meine eigenen Leidenschaften und Interesse wieder entdeckt, sondern auch was mir im Leben und im Beruf wichtig ist. Dazu gehört, dass ich meine beruflichen Entscheidungen nur noch für den Moment und nicht mehr für zukünftige Eventualitäten treffe und mich von meinem eigenen Erwartungsdruck an mich selbst lösen konnte. Denn dadurch konnte ich die Augen für das öffnen, was das Leben einem anbietet, besonders dann, wenn man es nicht gesucht hat.

Als ich meinen alten Job an den Nagel gehängt habe, hatte ich bei meinem Chef mein Bedauern darüber ausgedrückt, dass ich meine Rolle nicht mehr vollkommen ausfüllen konnte. Er machte mir das schönste Kompliment indem er sagte:

„Ich bin mir sicher, dass du es gekonnt hättest. Mehr sogar als das. Du wolltest es bloss einfach nicht mehr.“ Recht hat er! Was für eine schöne Erkenntnis.

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