Wie geht es dir?

Wie geht es dir? In letzter Zeit habe ich mir immer wieder Gedanken darüber gemacht, wie oft ich wohl diese Frage in den vergangenen zwei Jahren seit meiner Erkrankung gehört habe. Und wie oft sie wirklich eine ernst gemeinte Interessensbekundung, oder doch nur eine beiläufige Floskel war. Fakt ist: Die Bedeutung dieser einfachen vier Worte hat sich im Verlauf der Zeit vor, während und nach der Krebserkrankung stark für mich geändert.

Wenn man eine neue Sprache lernt, dann gehört diese Frage zu den ersten, die man kennen muss, um sich in einer neuen Kultur zurecht zu finden.

„Come stai?“ – „Wie geht es dir?“

„Bene, grazie.“ – „Gut, danke.“

„Così, così.“ – „So lala.“

Ich habe meinen Italienisch-Lehrer mit den viel zu grossen Brillengläsern noch immer vor Augen. Wie er mit der typisch italienischen Handbewegung gestikuliert und mir erzählt, dass es ihm heute nur „So lala.“ gehe. Die damalige Kommunikation über das aktuelle Befinden diente dabei lediglich dazu, einen ersten Zugang zueinander zu finden; eine Kommunikation an der Oberfläche, so wie sie oft im täglichen Alltag vorkommt. Ein Türöffner sozusagen. Tiefer hinterfragt habe ich das damals nie. Natürlich nicht, warum auch? Dafür gab es keinen Grund.

Auf einmal war ich dann krank. Nicht gefühlt, aber dafür ganz offiziell laut Krankschreibung. Und damit kamen dann auf einmal die äusserst ernst gemeinten, ja vielleicht auch besorgten „Wie geht es dir?“-Fragen. Von allen Seiten. Permanent. Manchmal unerwartet, aber fast immer willkommen. Ich liess sie zu, und oft haben sie mir gut getan. So wie die Antworten, die ich geben durfte, welche aber irgendwann immer wieder die gleichen waren. Aber ich habe sie auch gebraucht: Die Ohren, die alles interessiert aufgenommen haben, was ich auf dem Herzen hatte. Habe sie dankend angenommen. Habe mich an sie gewöhnt. An die Anteilnahme, die mich besonders durch schlechte Zeiten getragen hat. Sie war echt, so hatte ich das Gefühl. Und das von allen Seiten. Vielleicht war es die Sorge um mich, die dazu geführt hatte, dass mein Telefon immer Arbeit hatte. Dabei wollte ich doch gar nicht, dass man sich so um mich sorgt. Es würde doch schon alles wieder gut werden.

Und das wurde es auch. Oder vielleicht doch nicht? Zumindest ganz offiziell war ich wieder gesund. Laut Krankschreibung. Zwar noch nicht wieder zu hundert Prozent fit, aber doch zunehmend mehr. Der nach aussen sichtbare Kampf gegen den Krebs war gewonnen. Was jedoch schnell folgte, war der Kampf im Inneren. Für das öffentliche Auge nicht mehr sichtbar. Das Aufsammeln der Scherben und das Aufbauen eines „Lebens danach“, von dem ich nicht wusste, wie es aussehen sollte. Ich hätte nie gedacht, dass mir dieser Prozess so schwer fallen würde. All die neuen Fragen, die ich mir nun stellte über den Sinn meines Lebens, und auf die ich häufig keine Antwort wusste. Sie machten mir oft Angst und verdrängten die Freude darüber, dass ich doch eigentlich als Sieger vom Platz gegangen war. All die eigenen „Wie geht es mir eigentlich?-Fragen“, die ich mir meistens nur mit „So lala“ bis „Eher dreckig“ beantworten konnte.

Besonders in diesen Momenten hätte ich das „Wie geht es dir?“ gerne noch öfter gehört, doch es kam immer seltener. Der Entzug war hart. Im offiziell wieder gesunden Zustand. Und gleichzeitig muss ich mir eingestehen, dass ich auf die Nachfragen, die kamen, noch seltener eine ehrliche Antwort gegeben habe. Oft habe ich dann erzählt, was bei mir grad so läuft, aber nicht, wie es mir wirklich geht. Das Innere blieb eben genau dort verborgen. All die dunklen Gedanken, die entstehen, wenn eine erschreckende Krankheit wie Krebs das eigene Leben streift. Die Gedanken, die man sich mit Anfang 30 doch eigentlich noch nicht machen sollte. Es würde sie zu sehr belasten. Sie würden es wahrscheinlich nicht nachvollziehen können, dass ich nicht so schnell wieder in mein Leben zurückfand. All das waren meine Ausreden, wenn ich es wieder einmal nicht übers Herz brachte, wahrheitsgetreu auf „Wie geht es dir?“ zu antworten. Aber das eine oder andere Mal hätte ich es vielleicht riskieren sollen, etwas zu sagen. Die offenen Ohren weiterhin zu nutzen, zu belasten, auch wenn sie weniger geworden waren. Sie hätten es bestimmt ausgehalten.

Der Weg in ein Leben nach dem Krebs ist oft steinig, voller Fragezeichen, Ernüchterungen, aber auch grosser Dankbarkeit und Glücksmomente. Und er beginnt eben erst nach dem Krebs. Mittlerweile konnte ich schon viele Fragen für mich klären und auf „Wie geht es mir eigentlich?“ finde ich heute an den meisten Tagen Antworten, die von „Heiter“ bis „Glänzend“ reichen.

Was am Ende bleibt, ist die Erkenntnis, dass der Krebs – nachdem er gegangen war – an manchen Tagen ein Gefühl der Einsamkeit in mir hinterlässt. Nicht nur, weil das „Wie geht es dir?“ in Quantität und Qualität sich wieder auf eine normale Alltagsfrequenz eingependelt hat, sondern auch weil die Bekanntschaft mit Krebs Lebensfragen aufgeworfen hat, die ich mit niemandem ausser mir selbst diskutieren kann und muss.

Was hinzukommt, ist die die Frage, warum wir uns im normalen Alltag nicht öfter die Zeit nehmen (können oder wollen), um unsere Liebsten einmal nach ihrem Befinden zu fragen. So sehr ich es zu schätzen weiss, dass all die Menschen um mich herum im Sturm an meiner Seite standen, so frage ich mich oft, warum „Wie geht es dir?“ vergleichsweise selten gestellt wird, wenn grad keine Katastrophe ins Haus steht. Weil Arbeit, zu viele Alltagsverpflichtungen und zu wenig Zeit uns ablenken? Ich selbst, das muss ich mir eingestehen, bin da manchmal keine Ausnahme. Auch ich bin wieder in einem verhältnismässig normalen Alltag angekommen, in dem oft zu wenig Zeit für all die bleibt, die mir am Herzen liegen. Der Unterschied zu früher ist allerdings, dass ich die Zeit, die ich mit meinen Engsten verbringe, intensiver nutze und dass es von meiner Seite immer mit einem ernst gemeinten Interesse verbunden ist, wenn ich frage:

„Wie geht es dir?“

(Für meine liebe M. und ihren tollen, netten Chef.)

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