In aller Freundschaft

Ich kann mich wirklich glücklich schätzen. Als ich von meiner Krebserkrankung erfuhr, hatte ich mich entschieden, ganz offen in meinem Freundes- und Familienkreis mit diesem Thema umzugehen. Vielen Leuten habe ich die Schocknachricht selbst überbracht. Jeder konnte mich dazu befragen, wenn er es wollte, oder es sein lassen, wenn er es nicht wollte. Und sie waren alle da, meine Freunde, meine Familie. Die Anteilnahme, kleinen und grossen Gesten, die aufmunternden Worte haben mich am Anfang überrascht, überwältigt und getröstet. Die offene Kommunikation mit meinem Umfeld war zugleich ein wichtiger Anker, der mich am und im Leben gehalten und verhindert hat, dass ich ungebremst in die Tiefen von Angst, Krankheit und Therapiemüdigkeit gerauscht bin. Mein Leben sollte so normal wie möglich weitergeben. Ich wollte so normal wie möglich behandelt werden. Wollte nicht ausschliesslich als Krebspatientin gelten, von deren Erkrankung man voller Schock erfährt, die anschliessend hinter verschlossenen Türen verschwindet und vielleicht, wenn sie es schaffen sollte, den Kampf zu gewinnen, irgendwann wieder aus der Versenkung auftaucht. Eher das Gegenteil war der Fall. Die Krankheit hatte bei mir verursacht, dass ich mich in meinen Gedanken ausschliesslich auf mein Leben konzentriert hatte. Das war mein Antriebsmotor und meine Freunde haben in meinen Augen oft Übermenschliches geleistet, um ihn in Gang zu halten. Sie alle waren – auf ihre ganz individuelle Weise – mein Benzin, meine Batterie, meine Energiezufuhr. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen. Und falls noch nicht alle wissen, wie dankbar ich ihnen dafür bin: DANKE!

Doch so sehr mich die Anteilnahme in der Zeit meiner Krankheit gerührt hat, so sehr fehlt mir der Zuspruch und manch offenes Ohr besonders heute. In der körperlichen Gesundheit. In meinem neuen Alltag, den ich manchmal nicht mehr zu kennen scheine, mich emotional manchmal wie auf rohen Eiern bewege. Doch eben genau heute scheint meine Krankheit für den Rest der Welt abgeschlossen. Abgehakt und zu den Erinnerungsakten gelegt. Die Welt dreht sich wieder in normalem Takt. Mein Leben ist nicht mehr bedroht, was zwangsläufig dazu geführt hat, dass Anrufe und Nachfragen zu meinem Befinden sich automatisch auf die Frequenz vor der Krankheit reduziert haben. Was wahrscheinlich zum normalen Lauf der Dinge gehört, hat mir sehr viel Mühe bereitet, denn als sich alle anderen wieder auf ihren gewohnten Alltag konzentrieren konnten, stand ich ratlos vor den Scherben, welche die Krebsdiagnose in mir hinterlassen hatte. Doch Möglichkeiten, diese Gefühle mit jemandem zu teilen, boten sich mit der Diagnose Wieder Gesund immer seltener. Vielleicht liegt es daran, dass der körperliche Krankheitszustand etwas Greifbares für die Menschen im eigenen Umfeld ist. All das, was nach dem Krebs kommt – der Schock über das Erlebte, die Angst, die Zweifel – ist sehr individuell, persönlich, schwer in Worte zu fassen und doch sehr stark erklärungsbedüftig. Gleichzeitig befürchte ich, dass diese Themen oft zu belastend für Freunde und Familie sind. Kann ich meine Gedanken rund um meine Krankheit doch manchmal selbst kaum ertragen. Wie kann ich da erwarten, dass andere sich damit in ihrem ohnehin schon stressigen Alltag belasten? Oder tue ich ihnen da Unrecht?

„Jetzt, wo der Krebs für dich abgeschlossen ist…“, habe ich grad heute gehört, als ich mit der Familie telefoniert habe.

„Ganz falsch“, habe ich mir gedacht. Denn erst jetzt, fast zwei Jahre nach meiner Diagnose, öffnet sich mein Bewusstsein langsam für das Ausmass meiner Krankheit und schickt mir die Angst, die ich nun Stück für Stück verarbeiten muss. Genau heute brauche ich eigentlich die Stärke und den Zuspruch meiner Freunde. Die offenen Ohren, die es aushalten zuzuhören, wenn ich laut über die Endlichkeit meines Lebens nachdenke, welche der Krebs mir vor Augen geführt hat. Zugegeben – diese Gedanken sind kaum zu ertragen und ich frage mich ständig, ob ich nicht zu viel verlange. Sollte ich nicht dankbar dafür sein, dass ich so viele Leute hatte, die mir in Zeiten der Krankheit zur Seite gestanden haben?! Viele Patienten haben sicherlich nicht so viel Unterstützung und sind schon während ihrer Therapie auf sich selbst gestellt. Sollte ich da nicht einfach aufhören zu meckern, mich einfach glücklich schätzen und einfach weitermachen?! War das Glas für mich halb leer, obwohl ich es eigentlich als halb voll sehen sollte?!

Ich glaube, in all den Empfindungen, Aktionen und Reaktionen gibt es kein Richtig und kein Falsch. Und es ist auch nur logisch, dass mein Umfeld eine andere Wahrnehmung hat, als ich. Denn während ich für Freunde und Familie entsprechend der Haar-, Wimpern- und Augenbraunlänge ganz eindeutig in „krank“ und „gesund“ eingeteilt wurde, fühlte sich das für mich genau anders herum an. Nachdem ich den ersten Schock verdaut hatte, war jede Zelle meines Körpers und meine Seele auf Kämpfen programmiert. Nur weil mir die Ärzte sagten, dass ich Krebs hatte, war ich noch lange nicht krank. Ich sträubte mich mit allen Kräften gegen diesen Gedanken. Die Chemotherapie, Operation und Bestrahlung waren für mich nur logisches und notwendiges Übel, um den Fremdkörper in mir wieder loszuwerden, der sich unerlaubterweise in mir breit gemacht hatte. Es war ein Job, den ich zu erledigen hatte. Der Erfolg stand für mich ausser Frage. Dementsprechend wollte ich auch so normal wie möglich von meinem Umfeld behandelt werden. Ich war doch immer noch ich und nicht meine Krankheit.

Erst heute kann ich mir scheibchenweise eingestehen, dass ich in jedem Gesundheitssystem als krank eingestuft war. Und es war kein Schnupfen. Je mehr meine Seele von dieser schmerzlichen Erkenntnis an die Oberfläche lässt, desto dankbarer bin ich, dass ich heute wieder ein gesundes Leben führen darf. Auch wenn es bedeutet, dass ich ab sofort lernen muss, mit dem Krebs zu leben, obwohl er nicht mehr Bestandteil meines Körper ist. Genau dieses „Leben mit…“ ist die grosse Herausforderung, die nicht nur mich, sondern auch mein Umfeld betreffen wird. Viel von meiner Verarbeitung wird im Stillen stattfinden müssen, das ist mir klar. Aber so manches Mal, werde ich die offenen Ohren meiner Freunde doch noch brauchen. Ich habe Angst davor, dass sie es irgendwann nicht mehr hören können. Angst, dass sie die Schreckenskrankheit, die Krebs heisst, nicht mehr in ihrem Leben haben wollen und so auch einen Teil von mir, von der Freundschaft, die uns verbindet, verbannen. Diese Angst ist es, die mich manchmal verstummen lässt. Die mich oft davon abhält, gewisse Dinge auszusprechen. Es ist die Befürchtung, bewertet und abgestempelt zu werden – als die, die es nicht schafft, von der Krankheit loszukommen.

Fakt ist, dass der Krebs mich geprägt hat wie ein Brandzeichen auf einem Pferdehintern. Das Erlebt schwingt mit. Bei jeder Entscheidung, bei jedem Kommentar. Ich hoffe, dass das, was mich momentan noch so stark prägt, mit der Zeit wieder kleiner wird. Verschwinden wird es nie – und das ist auch gut so. Ich hoffe, dass meine Freundschaften mein verändertes Ich noch genauso schätzen. Auch wenn das bedeutet, dass ab sofort immer ein kleines bisschen meiner Krankheitserfahrung mitschwingt. Ich werde es herausfinden.

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