Am Ende…

Warum nehmen wir uns eigentlich nur Zeit für gute Gespräche, wenn ein Ende naht?

Diese Frage geistert mir seit einigen Tagen immer wieder durch den Kopf. Denn diese Erfahrung der „letzten Worte vor dem Abschied“ mache ich in diesem Jahr immer wieder…

Es ist bereits einige Wochen her, seitdem ich für einige Kolleginnen und Kollegen unserer Arbeits-Pilgergruppe einen kleinen Vortrag zu meinem diesjährigen Jakobsweg vorbereitet hatte. Ich baute gerade mit unserer Pilgerführerin eine kleine Leinwand samt Beamer auf, als wir kurz auf mein bevorstehendes Arbeitsende im Krankenhaus zu sprechen kamen.

„Und? Wie sind deine letzten Tage bei der Arbeit“, fragte sie mich.

Ich überlegte kurz.

„Ach, weißt du, eigentlich ganz schön. Jetzt, wo ich gehe, nehmen sich viele Kollegen einmal kurz Zeit, um ein paar persönliche Worte mehr mit mir zu wechseln. Das ist etwas, das im normalen Arbeitsalltag ja kaum stattfindet.“

Unsere Pigerführerin, die eigentlich hauptberuflich Seelsorgerin ist, nickte mit einem leichten Seufzen.

„Ja, weißt du, so ist das. AM ENDE reden die Menschen.“

„Ja, am Ende…“, pflichtete ich ihr bei und atmete tief durch. Am Ende.

In diesem Jahr finden in meinem Leben große Umbrüche statt. Innerlich und äußerlich habe ich das Gefühl, durch einen tiefen Prozess der Transformation zu gehen. Ich merke, dass es Zeit ist, alte Gewohnheiten aufzugeben. Neue Wege zeigen sich immer deutlicher.

Besonders meine Pilgerreise auf dem Jakobsweg hat dazu beigetragen, dass ich mutiger geworden bin, neue Wege einzuschlagen. Schon damals musste ich mich komplett aus meinem Alltag wegorganisieren, um mich für drei Wochen auf den Camino Portugues zu verabschieden. Schon zu dieser Zeit haben sich viele Menschen um mich herum Zeit genommen, um mir liebe Worte zum Abschied zu überbringen und mir alles Gute für meine Reise zu wünschen. Worte, die im alltäglichen Leben eben nur selten fallen.

In den letzten Wochen war das ähnlich, denn ich habe mich dazu entschieden, meine Festanstellung als Pressesprecherin im Krankenhaus an den Nagel zu hängen und mich in das Abenteuer einer Selbstständigkeit zu wagen. Diese Entscheidung ist lange gereift und ist mir als extrem sicherheitsbedürftiger Mensch nicht besonders leicht gefallen. Besonders deswegen, weil es sehr viele Kolleginnen und Kollegen gibt, von denen ich mich im Alltag verabschieden musste. Doch ich weiß, dass der Pfeil des Weges für mich nun in eine andere Richtung zeigt.

Auch in den letzten Wochen habe ich daher unheimlich schöne und tiefe Gespräche geführt. Denn viele Menschen haben interessiert zugehört, wenn ich über meinen neuen Pläne erzählt habe. Einige von ihnen mit einer Träne im Knopfloch über mein bevorstehendes Ausscheiden.

Doch so sehr ich mich auch über all die lieben Worte des Zuspruchs freue, wenn Türen sich schließen, frage ich mich immer wieder, warum es uns im schnöden Alltag nur schwer gelingt, liebevolle Gespräche zu führen und Worte zu verschenken, die uns gegenseitig stärken. Im privaten und besonders im beruflichen Alltag.

Es ist ein Phänomen, das ich bereits seit meiner Brustkrebserkrankung beobachte. Auch in der Zeit meiner aktiven Therapie habe ich mich irgendwie aus dem alltäglichen Alltagstrott verabschiedet, obwohl ich mit Freunden, Kollegen und meiner Familie weiterhin im regen Austausch war. Besonders in dieser Zeit, in der ich viele Dinge, wie Haare, Augenbrauen, Fitness und das Vertrauen in meine Gesundheit verloren hatte, habe ich viele offene Ohren und mutmachende Worte hinzugewonnen. Schon oft habe ich auf diesem Blog darüber gesprochen, wie schmerzlich es für mich war, diese zwischenmenschliche Zuwendung wieder auf ein Alltagslevel sinken zu lassen, als die aktive Krebserkrankung überstanden war.

Im Alltag, so scheint es, setzen wir einfach andere Prioritäten. Tauschen in der S-Bahn einen freundlichen Blick, oder ein nettes Wort an das Gegenüber gegen den Blick aufs Handy und sekundenschnelle Nachrichten über soziale Netzwerke. Ich selbst – das sei an dieser Stelle einmal erwähnt – bin da oft keine Ausnahme. Für Gespräche mit Freunden, den eigenen Eltern, Kindern oder Partnern, die über die alltäglichen Aufgaben und Sorgen hinausreichen, bleibt meist kaum bis gar keine Zeit. Oder ist es vielleicht so, dass wir uns diese Zeit nicht bewusst nehmen? Sie opfern für Dinge, die noch auf unserer To-Do-Liste stehen? Die wir als wichtiger erachten?

Ich selbst habe da so meine Mühe mit den wenigen liebevollen und freundlichen Worten im Alltag. Mit der fehlenden Zeit für verbindende Kommunikation. Zeit, die wir uns nur nehmen, wenn ein Abschied droht.

Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie weh es tut, wenn ein Abschied plötzlich und unerwartet kommt und somit wichtige Worte ungesagt bleiben. Nicht immer haben wir die Möglichkeit, uns von geliebten Menschen „geplant“ zu verabschieden. Nicht immer ist solch ein Abschied nur auf Zeit, sondern eben auch leider endlich. Sollten wir daher nicht viel mehr unseren Fokus auf die kleinen, netten Worte und Gesten wertschätzender Kommunikation im Alltag legen?

Sind es nicht genau diese freundlichen Worte, die nicht nur „am Ende“ zählen?

Ich persönlich sehe mittlerweile jeden einzelnen Tag als einen Neuanfang und einen Abschied.

Jeder neue Morgen gibt mir die Möglichkeit, den Menschen liebevolle Worte zu schenke, die mich über den Tag begleiten. Ich selbst gehöre übrigens auch dazu :-)

Jeder Abend lädt mich dazu ein, mich bei all den Erfahrungen zu bedanken. Mich von meinen Begegnungen des Tages zu verabschieden und der einen oder anderen Person noch einmal bewusst einen lieben Gruß zu schicken.

Jeden Tag auf Neue versuche ich mein Bestes, um liebevolle Worte für meine Mitmenschen zu finden.

Denn wer weiß, was morgen kommt…

WIE HÄLST DU ES MIT GUTEN, WERTSCHÄTZENDEN WORTEN UND GESPRÄCHEN IM ALLTAG?

NIMMST DU DIR AUCH EINMAL BEWUSST ZEIT FÜR GUTE GESPRÄCHE?

3 Gedanken zu “Am Ende…

  1. Gudrun schreibt:
    Avatar von Gudrun

    So ein schöner und wahrer Text. So ging es mir auch, als ich mich aus der Arbeitswelt verabschiedet habe. Ich hatte zwar viele nette Kolleginnen und Kollegen, aber so richtig ins Gespräch kamen wir erst vor meinem letzten Arbeitstag. Jeder lebt in seiner Alltagsbubble und während der Arbeit bleibt oft wenig Zeit für ein persönliches Gespräch.
    Nach meiner Krebserkrankung habe ich mich auch von Personen ohne Groll verabschiedet, aus den verschiedensten Gründen. Sie gehören zu meinem Alltag nicht mehr dazu, dafür habe ich während der Therapie neue hinzugewonnen.
    Schwer ist es, wenn man sich von liebgewonnen Menschen verabschieden muss und nicht mehr die Zeit hatte, über alles oder vieles zu sprechen.
    Ich wünsche dir für deine Selbständigkeit alles gute und toi toi toi. Bin gespannt was du machst.
    Dein Beitrag hat mich tief berührt.
    Liebe Grüße
    Gudrun

    • Red & Welly schreibt:
      Avatar von Susanne Thiem

      Von Herzen DANKE für dein liebes Feedback. Ja, wenn liebgewonnene Beziehungen sich lösen – mit oder ohne Worte – ist das sehr schmerzhaft. Gleichzeitig macht es Platz für neue Verbindungen und Gespräche, die uns bereichern können. Darum soll es übrigens auch in meiner Selbstständigkeit gehen: wie Worte unser Leben bereichnern können. <3 Liebe Grüße an dich!

  2. Gudrun schreibt:
    Avatar von Gudrun

    So ein schöner und wahrer Text. So ging es mir auch, als ich mich aus der Arbeitswelt verabschiedet habe. Ich hatte zwar viele nette Kolleginnen und Kollegen, aber so richtig ins Gespräch kamen wir erst vor meinem letzten Arbeitstag. Jeder lebt in seiner Alltagsbubble und während der Arbeit bleibt oft wenig Zeit für ein persönliches Gespräch.
    Nach meiner Krebserkrankung habe ich mich auch von Personen ohne Groll verabschiedet, aus den verschiedensten Gründen. Sie gehören zu meinem Alltag nicht mehr dazu, dafür habe ich während der Therapie neue hinzugewonnen.
    Schwer ist es, wenn man sich von liebgewonnen Menschen verabschieden muss und nicht mehr die Zeit hatte, über alles oder vieles zu sprechen.
    Ich wünsche dir für deine Selbständigkeit alles gute und toi toi toi. Bin gespannt was du machst.
    Dein Beitrag hat mich tief berührt.
    Liebe Grüße
    Gudrun

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