Der Weg ist das Ziel

Gut ein Jahr ist nun her, dass ich aus der Therapie als „gesund“ entlassen wurde. „Du musst jetzt erst einmal schauen, dass du wieder gesund wirst“, haben mir die Leute gesagt, als ich sie mit meiner Krankheit konfrontiert habe. Klar doch, habe ich mir gedacht. Auch wenn mir bewusst war, wo diese Krankheit enden kann, so habe ich doch keinen Moment daran gezweifelt, dass ich es schaffen würde mir das wiederzuholen, was bis anhin so selbstverständlich für mich war: meine Gesundheit. Das einzige und wichtigste Ziel, dass man sich bei einer K-Diagnose setzt, habe ich erreicht; diesen Leuchtturm erfolgreich bestiegen. Und was kommt danach?

Von hier auf gleich strecken sich die wöchentlichen Arzttermine auf Kontrollen alle paar Monate. Die getrauten Gesichter, denen man seine körperliche Genesung verdankt, werden blasser. Das scheinbar sichere Gefühl der medizinischen Versorgung verschwindet und macht Platz für ein noch fehlendes Vertrauen in seinen eigenen Körper, das man sich erst wieder erarbeiten muss. Die Gedanken, die sich in den letzten Monaten um Therapie- und Versicherungsfragen gedreht haben, werden wieder frei, spielen Mikado und wissen oft nicht, welcher Stab als nächstes genommen werden soll, ohne dass der ganze Haufen in sich zusammenfällt.

Meine Haare wachsen wieder. Mittlerweile kriege ich haufenweise Komplimente für meine schicke und stylische Kurzhaarfrisur. „Schon als Kind habe ich dir gesagt, dass dir kurze Haare super stehen“, sagt mir meine Mutter voller Freude darüber, dass sie ihre Meinung nun ganz offiziell als bestätigt sieht. Fast alle körperlichen Nebenwirkungen der Therapie sind verschwunden, meine Fitness zurückgekehrt. Zumindest formell bin ich wieder im Arbeitsleben integriert, für eine Krankschreibung liegen körperlich ja keine Gründe mehr vor. Die Anzahl Anrufe der besorgten Familie und Freunde hat sich wieder auf ein Normalmass reduziert. Immer seltener kommt die Krankheit zur Sprache. Was soll man auch erzählen, ausser dass wieder mal eine Kontrolle positiv verlaufen ist…

Das Leben hat mich wieder, so scheint es. Und doch fühlt es sich noch nicht wieder so an. Was nach solch einer Krankheit in jungen Jahren bleibt, sind viele Fragen, die man mit niemandem besprechen und nur sich selbst beantworten kann. Es ist die Gewissheit, dass ich von nun an eine lebenslange Mitgliedschaft im K-Club haben werde, mit der ich mich schwer anfreunden kann. Leben mit dem Erlebten, mit den körperlichen Grenzerfahrungen, die dich automatisch trennen von den Menschen, die diese glücklicherweise nicht teilen. Es ist Fluch und Segen zugleich, dass ich noch einmal die Möglichkeit erhalten habe, mein Leben neu zu ordnen. Aus all den zerbrochenen Scherben, welche die Diagnose hinterlassen hat, mir die Passenden herauszusuchen und andere liegen zu lassen. Und gleichzeitig fehlt mir dieses sichere Gefühl zu wissen, wo das Leben mich hintragen soll. Ein Gefühl, das aus heutiger Sicht vielleicht mehr Schein als Sein war.

Der Weg zurück ins Leben ist ein Satz, der nach Krankheiten als besonders erstrebenswert gilt, doch mir scheint dieser Weg weder angebracht noch praktikabel zu sein. Denn zum einen habe ich auch während der Therapie ein Leben, das neben Haarverlust und Hitzewallungen auch sehr, sehr viele schöne, berührende und lustige Momente hatte. Zum anderen möchte ich gar nicht mehr ZURÜCK in mein Leben davor, denn das wurde durch die Diagnose komplett infrage gestellt. Und so bleibt am Ende die Frage, wie die Lebensträume aussehen, die ich mir erfüllen möchte; der neue Alltag, in dem die Krankheit in unterschiedlicher Intensität immer ein Teil sein wird. Eine Weltreise wäre sicherlich eine tolle Möglichkeit, um fernab von Verpflichtungen einfach mal das Leben zu geniessen und diesen Fragen ein Stück weit in der Ferne näher zu kommen. Doch dazu fehlt mir momentan die Möglichkeit. Und so stehe ich nun vor der Herausforderung, den Weg vor ins Leben in meinem Alltag zu gehen und wissen, dass Red und Welly mich dabei begleiten werden.

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