‚Du oder ich‘ oder ‚Ich und Du‘

Wochen, ja Monate habe ich mich damit auseinandergesetzt, ob ich sie nach meiner Brustkrebserkrankung meistern kann – meine Stillaufgabe.

Viele unterschiedliche Meinungen, Einschätzungen und Ratschläge habe ich mir geholt, obwohl ich das Thema doch eigentlich zuerst nur auf mich zukommen lassen wollte. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mich mit diesem Thema auseinandersetzen muss bevor das neue Leben seinen Anspruch auf Nahrung ausserhalb der Nabelschnur erhebt. Ich habe das Gefühl, meine Möglichkeiten und Grenzen kennen zu müssen, um entsprechend reagieren zu können, wenn im Spital die Nachfragen kommen, wie ich es denn nun halten möchte mit den Stillen. Doch je mehr Ratschläge zum diesem Thema in den vergangenen Monaten kamen, desto weniger wusste ich, wie ich selbst dazu stehen sollte. Und eigentlich hatte ich bereits beschlossen, den Moment des Stillens einfach auf mich zukommen zu lassen.

Nur einen letzten Termin hatte ich noch mit meiner Hebamme für die Wochenbettbetreuung abgemacht. Auch sie hatte mir angeboten, das Thema vorab einmal zu besprechen und obwohl meine Lust sich sehr in Grenzen hielt, nutzte ich diesen Termin, um sie schon vor der Geburt ein erstes Mal kennenzulernen.

Sie sagte nicht viel, sondern liess mich erzählen. Was ich auch tat. Ich fragte nicht nach ihrer Einschätzung. Ich erzählte von all den Dingen, die ich bereits gehört und gelesen hatte. Von dem Druck, den ich beim Thema Stillen empfinde. Der sich in mir selbst aufgebaut hat. Der Druck, der bei jedem Unterton von ‚Es ist halt das Beste fürs Kind‘ mitklingt. Ich erzählte davon, dass ich das, was ich eigentlich suchte, noch nicht gefunden hatte: eine fachlich kompetente Betreuung, die sich mit den Themen auskennt, wenn das Kind erst nach dem Krebs kommt.

Sie sagte nicht viel, meine Hebamme, sondern fragte nur kurz:

Wenn Sie so an sich herunterschauen – auf ihren Bauch, ihr Kind, auf Ihre Brust: was empfinden Sie bei dem Gedanken, das Baby an Ihre Brust zu lassen?

Auf einmal lag es ganz klar vor mir. Die „Tabuzone Brust“, die der Krebs aus meinen beiden hübschen Ladies gemacht hatte. Das sichere Gefühl, dass ich jede Veränderung in meinen Brüsten, welche die Schwangerschaft und das Stillen mit sich bringt, nur schwer emotional verkraften könnte. Das Thema Stillen war für mich so weit entfernt, wie der Nordpol vom Südpol.

Was ich fühlte, war Angst. Angst vor neuen Schwellungen, Angst vor neuen Knoten durch Milchstau, Angst vor Schmerzen, vor Entzündungen und vor der Ungewissheit, ob diese Veränderungen gut- oder bösartig sein würden.

Was ich fühlte, war Wut. Wut darüber, dass es wieder der Krebs war, mit dem ich mich beschäftigen musste. Wut darüber, dass es wieder der Krebs war, der mir die uneingeschränkte Vorfreude auf das neue Leben nahm. Wut darüber, dass es wieder der Krebs war, der mir vor Augen führte, dass diese Schwangerschaft alles andere als selbstverständlich war.

Was ich aber auch fühlte, war die egoistische Seite in mir, die der Krebs in mir hinterlassen hat. Uschi und Berta mit einer anderen Person zu teilen, scheint mir momentan noch undenkbar. Der Gedanke daran, dass Berta die Aufgabe von Uschi mit übernimmt und am Ende der Fütterungszeit allein am Südpol hängt, während Uschi sich am Nordpol ein schönes Leben macht, ist für mich schier unakzeptabel. Ich habe mich immer mehr als glücklich geschätzt, dass ich nach meiner brusterhaltenden Behandlung nicht über das Thema eines plastischen Wiederaufbaus der Brust nachdenken musste. Und so wurde mir auch in diesem Moment ganz klar, dass die Option des einseitigen Stillens für mich keine Lösung darstellt.

Lange hat es mich verfolgt: das schlechte Gewissen zu dem Gedanken, dass ich dem neuen Leben die Brust aus rein optischen Gründen vielleicht verweigern werde. Aber ich habe mir schlussendlich die Erlaubnis für diesen Gedanken erteilt. Denn ich weiss, dass er eine Vorgeschichte hat.

Am Ende dieses ganzen Prozesses hat aber doch ein Gedanke gesiegt: dass ich es versuchen möchte mit dem Stillen. Dass ich es versuchen möchte, für das neue Leben in mir über meinen eigenen egoistischen Krebsschatten zu springen. Dass ich es versuchen möchte, den Krebs in meiner Brust auch gedanklich hinter mir zu lassen und an seiner Stelle etwas Neues, Hoffnungsvolles entstehen zu lassen. Mir ist bewusst, dass meine Schmerzgrenze im Vergleich zu anderen Müttern wahrscheinlich sehr viel tiefer liegen wird. Aber am Ende bleibt die kleine Hoffnung, die mir meine Hebamme in den Kopf gesetzt hat:

„Es besteht auch immer noch die Chance, dass das Stillen Sie wieder mit Ihrer Brust versöhnt.“

Vielleicht behält sie Recht. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

 

Dies ist die Fortführung des Beitrags „Achtung Weiblich“.

2 Gedanken zu “‚Du oder ich‘ oder ‚Ich und Du‘

  1. babs schreibt:

    meine liebe,
    auch ich habe zwei kinder bekommen….vor meinem krebs. wie es danach wäre, dass könnte ich beim besten willen nicht sagen. natürlich macht sich dein kopf gedanken und ist schneller als dein herz oder dein bauch.
    wenn du euer baby in der hand halten wirst, wenn es dich in seinen bann zieht, dann „weiß“ auch dein bauch und dein kopf was sie wollen.
    ich kann dich nur dazu ermutigen alles auf dich zukommen zu lassen. kinderwesen sind nicht planbar…auch deine gefühle nicht. egal wer auch immer meint, es sei besser zu stillen, letztendlich wird es deine/eure entscheidung sein. die von dir und deinem baby.
    viel wichtiger ist für mich die liebe, die der kleine mensch von dir/euch bekommen wird. stillen hin, fläschchen her.. unterm strich spielt das keine rolle. wirklich nicht. kleine menschen werden groß, an der brust oder mit der flasche. viel wichtiger ist deine/eure liebe und zuneigungung…………..und das fühle ich. da ist dein herz und dein bauch schon prall gefüllt. <3
    alles, alles liebe
    babs

    • Red & Welly schreibt:

      Liebe Babs
      Vielen Dank für deine lieben Worte. Ich bin mir sicher, dass du in allen Punkten Recht hast. Und im Nachhinein werde ich mich bestimmt fragen, worüber ich mir so viele Gedanken gemacht habe ;-) Ich bin gespannt, wie es sich entwickeln wird.
      Liebe Grüsse

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