Eine haarige Angelegenheit

„Was mache ich nun mit meiner Perücke? Wegschmeissen, oder mit nach Deutschland nehmen?“

„Wegschmeissen! Was willst du denn noch damit?“, schoss es mir ziemlich direkt von meiner lieben M. bei unserem letzten Treffen entgegen. „Der Krebs ist doch Geschichte. Du brauchst sie nicht mehr. Also weg damit.“

„Also, ich habe sie für den nächsten Fasching meiner Kinder aufgehoben“, entgegnete meine andere Freundin K.

„Puh, das ist eine schwierige Frage. Ich wüsste nicht, wie ich mich entscheiden würde“, hatten meine Arbeitskolleginnen entgegnet.

Und nun stehe ich hier im Keller vor den Umzugskartons und versuche, sie herauszufiltern: die Dinge und Habseligkeiten, die wir denken im Leben noch brauchen zu müssen. Die Perücke – ordentlich verpackt in ihrer Pappschachtel – in der linken Hand; die Bürste und das dazugehörige Spezialshampoo in der Rechten…

Ich kann die unechte Haarpracht immer noch spüren, wenn ich sie so betrachte. Der Gummikranz auf der Kopfhaut, der die Perücke vor dem Verrutschen retten sollte und das Jucken auf der Kopfhaut nach stundenlangem Tragen. Ich erinnere mich, wie ich beim Sport stets einen Haarreif darüber trug um zu verhindern, dass während der Yogastunde beim herabschauenden Hund das „Fell“ auf einmal am Boden liegen würde; erinnere mich an das schützende Gefühl, das mir die Perücke gab, wenn ich zwischen all den „gesunden“ Menschen am Bahnhof stand und an die Erleichterung, wenn ich das falsche Haar zu Hause einfach wieder abnehmen konnte. Denn es gehörte definitiv nicht zu mir.

Mit Beginn der Chemotherapie hatte ich mich mit dem drohenden Haarverlust abgefunden. Hatte versucht, die Perückenauswahl mit Humor zu betrachten. Mein Mann hatte mich zur Anprobe begleitet und ich weiss noch, dass die Verkäuferin mit bedächtig seriösem Unterton einige absolut scheussliche Exemplare gebracht hatte. War das wirklich ihr Ernst? Mit Version Nummer eins sah ich aus, wie ein Fraggle (eine Comicfigur aus meiner Kindheit). Version zwei und drei versetzten mich ebenfalls in die 80er Jahre und machten mich zu einer aufgeplüschten Fernsehmoderatorin, bei der nur noch die überdimensionalen Schulterpolster fehlten. Ich glaube, dass auch eine gewisse Verzweiflung dazu führte, dass ich aus dem Lachen kaum mehr herauskam. Doch schliesslich fand ich noch mein Exemplar, das mich die nächsten Monate begleiten sollte…

Oft hörte ich von Freunden, dass man den Unterschied ja gar nicht bemerken würde. Sie hatten es alle gut gemeint, aber wenn es damals die Serie „Sweet little lies“ bereits gegeben hätte, so wären sie definitiv Hauptdarsteller gewesen.

Doch eine Situation gab es, in der ich einer meiner besten Freundinnen abnahm, dass sie meine Perücke wirklich nicht bemerkte… Es war im Frühling 2012 und ich stand kurz vor meiner letzten Chemotherapie. Augenbrauen und Wimpern waren Geschichten und wurden danke eine professionellen Schminkkurses von „Look Good Feel Better“ durch einen professionellen Augenbraun- und Kajalstift ersetzt. Unsere gemeinsame Freundin stand kurz vor ihrer Hochzeit und wir hatten beschlossen, ihr und ihrem Ehemann als bekennende ABBA-Fans eine entsprechende Performance zum Besten zu geben. Als wir eines Tages dazu telefonierten, fragte ich sie:

„Sag mal, hast du überhaupt ein Kostüm? Was ziehst du denn an?“

„Ich habe mir da was im Internet bestellt“, entgegnete sie mir. „Ist gar kein Problem. Da kriegst du schon ein Glitzerfummel mit Schlaghose für zwanzig Euro. Ich habe mir zudem eine richtig miese Langhaarperücke bestellt. Kriegst du auch für zwanzig Euro. Willst du auch eine?“, kam es wie aus der Pistole geschossen.

„Äh, nein danke. Ich hab schon eine“, war das Einzige, was ich dazu noch sagen konnte.

Ihr war es sichtlich unangenehm. Sie hatte einfach nicht mehr daran gedacht, dass ich eine Perücke trage. Ich konnte nur noch Lachen. So schön war diese Situation, in der nicht der Krebs sondern das Leben im Vordergrund stand.

Und so stehe ich hier und habe mich entschlossen, das gute Stück zu verpacken und zu verwahren. Mitzunehmen in einen anderen Alltag, der sich hoffentlich immer weiter vom Krebs entfernen wird. Denn die Perücke ist für mich nicht nur ungenutztes Haupthaar. Sie ist Vergangenheit, Erinnerung, Mahnmal und Teil meines Lebens. An manchen Tagen finde ich es bereichernd, in diesen Teil des Lebens gedanklich zurückzukehren, um mir ein Gefühl von Dankbarkeit für meine heutige Gesundheit wieder bewusst zu machen. Auf dieser Reise ist sie mein Begleiter, auch wenn sie hoffentlich für immer ihre Endstation im Umzugskarton haben wird.

2 Gedanken zu “Eine haarige Angelegenheit

  1. SaMaTe schreibt:

    Ich kann die Perücke meiner Mama auch nicht wegschmeißen. Aufgrund ihrer schlechten Erfahrung damit (sie hat sie kaum getragen, ihr Kopf juckte und es war ihr viel zu warm, obwohl sie damit wirklich sehr gut aussah) habe ich mir erst gar keine zugelegt. Ich habe die Zeit mit Kopftüchern, Mützen und allerlei Gebinde verbracht. Aber die Perücke meiner Mutter, die ist immer noch da 😜 (meine Mutter ist 2014 an Alzheimer gestorben)

    Aber: Entstation Umzugskarton finde ich absolut gut!! 🧡

    • Red & Welly schreibt:

      Liebe SaMaTe. Das kann ich gut verstehen. Solche Erinnerungen braucht man manchmal, auch wenn es nur ein „Haarbüschel“ ist. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar.

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