„Hast du Angst vor dem Scheitern?“
„Nein, ich habe Angst vor dem ungelebten Leben!“
Mein mit Abstand erfolgreichster Beitrag auf diesem Blog war und ist bis heute „Angst vor dem Leben“ aus dem Jahr 2016. Ein Beitrag, für den man heute wohl eine Triggerwarnung ausspricht, denn in diesem Beitrag stelle ich mir als Brustkrebsüberlebende und gerade frischgebackene Mutter die Frage, ob ich eigentlich mehr Angst vor dem Leben, als vor dem Tod habe. Vor all dem, was so alles passieren könnte in einem Alltag und in einer Welt, in der ich gerade die Verantwortung für ein neues Leben übernommen hatte.
* Ihr seid herzlich eingeladen, diesen Beitrag noch einmal zu lesen, wenn euch danach ist.
In meinem aktuellen Beitrag spielt neben all dem, was mir in meinem aktuellen Leben Angst macht, auch wieder das Bewusstsein über meine eigene Endlichkeit eine große Rolle. Denn aktuell stehe ich an einem Punkt, an dem ich beruflich absolutes Neuland betrete und kurz davor bin, den Absprung ins kalte Wasser der Selbstständigkeit zu wagen.
In den letzten Monaten habe ich alles geplant, durchdacht, einen Businessplan geschrieben und neue Ideen für die Selbstständigkeit als Kommunikationstrainerin und Life Coach entwickelt. Es sind Ideen, die absolut aus der Mitte meines Herzens kommen und einen kommunikativen Mehrwert im Bereich der Gesundheitsversorgung bieten sollen, den ich aus unterschiedlichsten Gründen für absolut notwendig halte. Die Selbstständigkeit ist nun beim Finanzamt angemeldet und so heißt es also:
Rausgehen, sich zeigen und hoffen, dass das Angebot, von dem ich so überzeugt bin, angenommen wird.
Und auf einmal sind sie wieder da: diese Gedanken, dass wahrscheinlich niemand Geld ausgeben möchte für „Gewaltfreie Kommunikation“, „Empathie in der Gesprächsführung“ oder ein Coaching für mehr Vertrauen nach einer Krebserkrankung. Auf einmal sind sie wieder da, diese Glaubenssätze, dass ich mit dem, was ich in puncto wertschätzender Kommunikation geben möchte, eher in die Kategorie der „Idealisten“ und „Tagträumerinnen“ gehöre und wahrscheinlich nie einen Cent damit verdienen werde.
„Hast du Angst vor dem Scheitern?“, habe ich mich gefragt?
„Solltest du das nicht lieber schon alles vorher beenden und wieder in einen sicheren Beruf zurückgehen? Schließlich ist die Welt unsicher genug.“
Die Antwort stand recht schnell für mich fest.
„Nein, du gehst weiter. Denn es gibt eine Angst, die mittlerweile größer ist, als die Angst vor dem Scheitern.“
Es ist die Angst vor dem ungelebten Leben.“
Es ist die Angst davor, etwas nicht versucht zu haben. Die Angst vor verpassten Möglichkeiten, die Angst, sich von dieser Angst den Weg leiten zu lassen und am Ende aller Tage die Schritte zu bereuen, die ich nicht gegangen bin.
Mein größter Richtungspfeil ist hierfür mittlerweile die Begegnung mit meiner eigenen Endlichkeit. Den eigenen Tod als Beraterin für mein jetziges Leben zu sehen, ist mittlerweile das größtes Geschenk für mein „After-Cancer-Life“. Denn dieses Bewusstsein richtet meine innere Kompassnadel, die mich immer wieder dort hinblicken lässt, wo ich hinmöchte. Und manchmal führt dieser Weg eben durch dunkle Ecken, die mir Angst machen.
Kennst du den Film „Findet Nemo“? Um euch meine Gefühlslage abschließend einmal mit einem Bild zu erklären, verweise ich an dieser Stelle auf die Szene, in der Dory und Marlin vor dem tiefen, schwarzen Abgrund schwimmen, in den die Taucherbrille gefallen ist. Beide Fische wissen, dass sie in die Finsterniss der Tiefsee hinuntermüssen, wenn sie die Brille mit der Adresse, an der sie Nemo vermuten, wiederfinden wollen. Marlin fürchtet sich vor dem riesigen Loch. Doch Dory ermutigt ihn mit den Worten:
„Weißt du, was du machen musst, wenn du frustriert bist? Einfach schwimmen, schwimmen, schwimmen. Was machen wir? Wir schwimmen, schwimmen.“
„Wer ins kalte Wasser springt, taucht in ein Meer voller Möglichkeiten.“
Und so habe ich entschieden, ein bisschen mehr Dory zu sein und einfach los zuschwimmen. Denn ich weiß, dass auf der anderen Seite der Angst das größte Geschenk wartet. Das Vertrauen in mich und meine Fähigkeit und das gute Gefühle, es zumindest versucht zu haben.
In diesem Sinne:
Einfach schwimmen.
Einfach schwimmen.
Einfach schwimmen, schwimmen, schwimmen...
Begleitest du mich?